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Warum ich nicht in NFT mache

Weil’s Investment-Scam ist.

Die Langfassung habe ich gestern auch schon beim Sendegarten Podcast (ab 1:02:51) erklärt. Ich schreibe es noch einmal auf für alle, die lieber lesen als hören.

Aktuell sind NFTs in aller Munde und gerade die Kreativbranche dreht mit dem Thema richtig auf. Aber was sind NFTs eigentlich? Und warum denken alle, dass es das nächste große Ding wäre?

Was sind NFTs?

NFT steht für Non-fungible Token. Die Übersetzung von „fungible“ ist „fungibel“, das hilft jetzt nur begrenzt. Es geht um Wert und die Messbarkeit eines Dings daran. Wikipedia definiert Fungibilität als „Eigenschaft von Gütern, nach Maßeinheit, Zahl oder Gewicht bestimmbar und deshalb innerhalb derselben Gattung durch andere Stücke gleicher Art, Menge und Güte austauschbar zu sein.“
Die BBC-Erklärung war recht anschaulich: man hat einen 10€-Schein, den man in 2 5€-Scheine eintauscht und der Wert ist noch immer 10€.
Ich habe gestern in meiner Erklärung fungibel mit „eintauschbar“ übersetzt. Ein nicht fungibeles Ding ist entsprechend nicht eintauschbar. Es erweckt damit den Anschein von Einzigartigkeit.
Token (en) wird im Deutschen mit Token, Spielstein, Wertmarke oder Symbol übersetzt.

Die Idee hinter NFTs ist, digitale Güter einzigartig zu machen und so auch im Digitalen einzigartige Kunstwerke verkaufen zu können.
Das Blöde ist, dass Digitales sich grundsätzlich beliebig oft kopieren, ändern, abspeichern, hochladen, runterladen, neu abspeichern lässt. Das ist das Grundprinzip des Digitalen, das sich auch nicht ändern wird.

Die zweite Idee ist, und deswegen geht die Kreativbranche gerade steil, dass NFTs auch einen Smart-Contract beinhalten können, der veranlasst, dass der:die Künstler:in bei Wiederverkauf des Werks einen Prozentsatz der Summe (ETH, Bitcoin, Euro, whatever) abbekommt.
An der Stelle haben wir das Problem, dass bis auf die Indies selten die Kreativen die Rechteinhaber sind, sondern die Label und Verlagshäuser. Letztere waren es auch, die auf dem deutschsprachigen Buchmarkt sofort erwartungsgemäß reagiert haben: „Geil! Endlich bei wiederverkauften eBooks kassieren!!!“

Einige Indie-Autor:innen planen aktuell schon neue Bücher, die begleitend zum Buch-Launch eine Anzahl NFTs dazu bekommen, wie zB eine Ausgabe des Buchs, das eine eingescannte, durchlektorierte Seite aus dem Manuskript oder Ähnliches enthält. Sammlerausgaben(*).

Es geht um Geld. Viel Geld .

NFTs werden aktuell für teilweise Millionenbeträge gehandelt. Hier einige Beispiele aus dem BBC-Artikel zu NFTs:

Ein Nyan Cat Gif brachte über $ 500.000.
Einige digital veröffentliche Werke von Grimes für zusammen über $ 6 Millionen.
Twitter Gründer Jack Dorsey verkaufte seinen allerersten Tweet für immerhin $ 2,5 Millionen.
Bei Christie’s ging ein NFT von Beeple für $ 69 Millionen weg.
Fußball-NFT-Trading-Cards haben schon $ 680 Millionen eingebracht.

Endlich eine Anwendung für die Blockchain!

Vor vielen Jahren hat ein schlauer Mensch (oder eine Gruppe von Menschen unter einem gemeinsamen Pseudonym, man weiß es nicht genau) eine Technologie namens Blockchain erfunden. Eine der ersten Anwendungen war die Cryptowährung „Bitcoin“. Als die Leute das erste Mal Wind davon bekamen, gab es schnell eine Blase um Bitcoin und Menschen investierten zigtausende in eine instabile, an nichts als sich selbst wert-gebundene Währung. Dasselbe passiert jetzt wieder, nur dass es diesmal NFTs sind und viele (aber nicht alle) statt in der Bitcoin-Blockchain in der Etherium-Blockchain gehandelt werden. Etherium ist eine andere Cryptowährung, die noch nicht ganz so schwindelerregend hohe Eintauschwerte erreicht hat wie Bitcoin und angeblich einen ein klein bisschen weniger katastrophalen ökologischen Fußabdruck hat. Die schiere Menge an Transaktionen und der gerade losbrechende Hype machen das dann aber auch schnell wieder wett.

Exkurs: Wie funktioniert die Blockchain?

  • Eine Blockchain ist eine Kette von einzelnen Blöcken.
  • Ein Block ist eine Verarbeitungseinheit, in der Platz für eine bestimmte Anzahl von Einzeltransaktionen ist.
  • Eine Transaktion kann zB sein „1 Bitcoin von Wallet a nach Wallet B“ oder „0,75 Bitcoin von Wallet c nach Wallet z“.
  • Eine Wallet ist ein Konto, das man für Transaktionen in der jeweiligen Blockchain braucht. Eine Wallet ist ein bisschen wie ein schweizer Nummernkonto, es steht nicht der Name des:der Eigentümer:in in der Transaktion, sondern eben die Wallet-ID, also eine lange Buchstaben-Zahlen-Kombination. Die ist ein Pseudonym für die handelnden Personen; auch Bitcoin-Transaktionen sind nicht anonym, sondern durch die Bindung an die Wallets zwingend immer pseudonym und jederzeit von jedem:r einsehbar. Ihr könnt zB schauen, wie viele Menschen auf eine Wallet eingezahlt haben, die in einer „Wir haben Dich beim Masturbieren beobachtet“-Spam-eMail stand.

Stellen wir uns unseren Block als Blatt Papier mit 12 Zeilen vor. In unseren Block passen 12 Transaktionen rein. Sobald sich 12 angesammelt haben, ist unser Blatt Papier voll und die Verarbeitung wird durchgeführt. Dafür wird aus den 12 Zeilen die Quersumme (genauer: eine Hashsumme) gebildet und die schreiben wir schonmal auf das nächste leere Blatt. Unser eigenes Blatt wird mit der Quersumme vom Blatt davor signiert. Damit ist die Transaktion „besiegelt“, das volle Blatt kommt auf den Stapel und das Ergebnis unserer 12 Transaktionen wird damit gespeichert.
Der Clou der Sache ist, dass dies nicht zentral auf einem Server passiert, sondern bei allen User:innen der Blockchain liegt eine Kopie. Eine Blockchain ist letztlich eine verteilte Datenbank, die nicht auf einem Gerät in der Mitte liegt, sondern alle Transaktionen liegen bei allen Teilnehmenden. Jede:r hat die vollständige Blockchain auch bei sich.
Deswegen gilt eine Blockchain auch als fälschungssicher, weil es eine Menge Rechenleistung brauchen würde, bei allen Teilnehmenden so einen Block (oder mehrere oder auch ganz viele) zurückzurechnen, eine Transaktion zu ändern und alles wieder vorwärts zu rechnen. Man bräuchte also mehr Energie und Rechenleistung als alle anderen Teilnehmenden zusammen. Einen einmal in eine Blockchain gemachten Eintrag kann man also nicht mehr ändern.

Wie funktionieren NFTs in der Blockchain?

Zurück zu NFTs. Da werden viele der Transaktionen in die Etherium-Blockchain geschrieben. Aber was genau? Die tatsächliche Datei, die das NFT ist, ist es nicht. Das geht auch gar nicht, denn dann würde die Blockchain binnen kürzester Zeit mehrere Terabyte groß und noch viel größer.
Ich hätte erwartet, dass darin steht „Klaudia Zotzmann-Koch kauft für 10€ ein Foto von Stefans Synthie-Setup und ist fortan alleinige Besitzerin dieses Fotos mit alleinigen Verfügungsrechten“. Steht da aber nicht.
In einer NFT-Transaktion steht die Wallet und ein Link. Nicht einmal eine Hashsumme des Werks, um überprüfen zu können, um welche Datei es sich handelt. (Anmerkung: Wenn man eine Datei runterlädt und abspeichert ohne sie zu ändern, ist die Hashsumme immernoch dieselbe.)

Was kauft man da eigentlich?

Den Eintrag eines Links zusammen mit der eigenen Wallet-ID in der jeweiligen Blockchain.

Das wird ausgelegt als digitales Besitz-Zertifikat, das man kaufen und wieder verkaufen kann. Man kauft aber nicht das tatsächliche Werk. Und schon gar nicht das Copyright oder ausschließliche Nutzungsrechte.

Noch einmal klar formuliert: Man kauft nicht die Datei und schon gar nicht die alleinigen Nutzungsrechte. Es kann immernoch jede:r die gleiche Datei runterladen, hochladen, als Profilfoto verwenden, die Datei abspeichern, auf einen USB-Stick ziehen, auf eine DVD brennen, dem Nachbarn geben, whatever. Das lässt sich auch nicht ändern, so ist das Internet und das ganze Digitale konzipiert. Das kommt von Kollaboration und gemeinsamem Arbeiten an Dokumenten und dem freien Teilen von Informationen. Man kann eine Datei nicht einzigartig machen. Selbst wenn ich eine Datei verändere und abspeichere und dann irgendwo hochlade, können wieder Tausende sie runterladen und haben dann alle wieder die gleiche Datei bei sich. Das geht auch automatisiert, da muss nichtmal ein Mensch auf „Download“ drücken. Wenn sie auf einem Endgerät angezeigt wird, wie zB die Profilfotos in SocialMedia-Netzwerken, dann wurden diese Dateien schon auf das Gerät zur Anzeige übertragen und liegen bei allen, die an einem Post eines Accounts vorbeigescrollt sind.

Ein ganzer Eimer voll Probleme

Links zu Webseiten

Die Links, die zusammen mit den Wallet-IDs gehen können überall hinführen. Meistens gehen sie zu den Webseiten der NFT-Broker, zB OpenSea. Der erste Tweet wurde als NFT versteigert, da geht der Link zum Tweet selbst.
Letztlich sind es also alles nur Verweise auf irgendwelche Stellen auf Webseiten. Webseiten sind jetzt allerdings nicht dafür bekannt, dass sie über Jahre oder Jahrzehnte immer da sind und funktionieren und nie angegriffen oder übernommen werden. Die gekauften Einträge sind im Zweifelsfall eine Menge teure 404er-Meldungen.

Wenn also Menschen davon schwärmen, dass NFTs ja so dezentral und verteilt sind, dann denken wir kurz an die NFT-Broker, die man braucht, um NFTs zu handeln. Nennen wir sie einfach „eine Handvoll Points of Failure in der Mitte“.

Kein Check der Rechtmäßigkeit

Angenommen, jemand würde diesen Blogpost als NFT verkaufen, würden die meisten Broker nicht nachprüfen, ob der:die Verkäufer:in tatsächlich das Recht hat, dies zu tun. Ich könnte den Post unter CC-BY-NC, einen non-commercial-Lizenz stellen, aber ob das geprüft wird, wage ich auch zu bezweifeln. Ich könnte zB eBooks einer Autorenkollegin mit einem Foto von ihr drin als NFT verticken und keiner würde es prüfen, ob ich das darf. Sie würde auch nicht darüber benachrichtigt werden, dass jemand grad Bücher von ihr verkauft. Auch Banksy wurde nicht benachrichtigt, als jemand einen Fake-Banksy versteigerte.

Was manche Broker wohl schon checken ist, ob dieselbe Datei schon einmal als NFT verkauft wurde. Das ist fein. Allerdings kann die Transaktion – oder auch die mehreren Transaktionen – nicht aus der Blockchain gelöscht werden. Stattdessen wird in so einem Fall die Produktseite auf der Broker-Plattform gelöscht und damit gehen die jeweiligen Links ins Leere.

Schneeball-System

Dadurch, dass Menschen gerade Beträge in dreistelliger Millionenhöhe für NFTs rauswerfen, haben sie ein gewisses Interesse daran, dass diese Webseiten erhalten bleiben. In dem Moment, wo die Glücksritter hinter einer der Broker-Seiten sagen, sie hören auf, werden sofort die, die viel Geld investiert haben, versuchen, die Broker-Seite aufrecht zu erhalten. Ich wage die Behauptung, dass wir den Beginn eines Schneeball-Systems beobachten.

Sicherheitsrisiken

Bei manchen Brokern kann man zum Werk auch noch Metadaten eintragen, die dann mit angezeigt werden – und da geht auch html. Was schade ist, weil so auch Tracking betrieben oder sogar Schadcode nachgeladen werden kann.

Fazit

Trotz aller Probleme machen NFTs gerade die Runde, bis sich die Blase eben ausgespielt hat. Zuletzt hat Twitter angefangen, NFT-Profilbilder im sechseckigen Format anzubieten. Es dauerte nicht lang, bis das erste Browser-Plugin auf Github auftauchte, dass einem Accounts mit NFT-Profilbild einfach ausblendet. (Was ich tatsächlich sehr charmant finde.)

Ich vermute, das Ganze geht solange gut, bis ein oder zwei der Broker-Seiten hochgenommen werden und nicht mehr erreichbar sind. Dann werden Menschen drauf kommen, dass sie viel Geld für Nichts ausgegeben haben. So wie für digitales Klüngelkram in einem Spiel, das es nicht mehr gibt oder das auf dem neuen Gerät nicht mehr läuft.

Eigentlich steckt der Hinweis auf all die Probleme ja schon im Wort: Nicht-eintauschbare Wertmarke – statt einzigartiges Ding.

* Zu den Sammlerausgaben: Man muss kein NFT machen, um zum Launch, sagen wir, 10 Sammlerausgaben des neuen Buchs als eBook rauszugeben. Man kann auch in normale eBooks eine zusätzliche Seite mit einem Scan vom lektorierten Manuskript reingeben und dieses dann genau einmal rausgeben. Man kann eBooks auch signieren, indem man eine Widmung auf einen Zettel schreibt, einscannt, die Seite vorn im eBook platziert und hat so auch eine Sammlerausgabe geschaffen. Und seien wir ehrlich, Menschen freuen sich über persönliche Widmungen und wenn die „liebe Marianne“ das Buch dann auch ihrer Nachbarin Roswitha ausleiht, dann ist es so, wie es auch mit Printbüchern immer war.

Links

https://www.sendegarten.de/2022/01/31/seg137-besonders-schoene-infrastruktur/ (ab 1:02:51)
https://www.bbc.com/news/technology-56371912
https://www.bbc.com/news/science-environment-56215787
https://www.bbc.com/news/technology-58399338
https://moxie.org/2022/01/07/web3-first-impressions.html
https://twitter.com/JackShawhan/status/1457951413368016899
https://www.heise.de/news/Twitter-startet-fuer-Twitter-Blue-Abonnenten-eine-Funktion-fuer-NFT-Profilbilder-6334356.html
https://www.heise.de/news/Browser-Plug-In-blockiert-Twitter-Accounts-mit-NFT-Profilbild-6337943.html
https://github.com/mcclure/NFTBlocker
https://www.vice.com/en/article/xgdvaz/nft-steal-ip-address-opensea
https://twitter.com/IanColdwater/status/1486728737143939088
https://web3isgoinggreat.com/
https://web0.small-web.org/
https://www.vice.com/en/article/wxdzb5/more-than-80-of-nfts-created-for-free-on-opensea-are-fraud-or-spam-company-says
https://twitter.com/curator1of1/status/1487364584516239369
https://pca.st/episode/bf100823-abab-4dcc-914a-6369efa596d8
http://gordongoner.com/
https://mastodon.social/@bkastl/107728340516563259
https://twitter.com/wwf_uk/status/1488800080819802116
https://www.nytimes.com/2021/04/29/arts/disaster-girl-meme-nft.amp.html
https://twitter.com/duckrabbitblog/status/1488846301970063360?t=xo9RTXHW3ORc2k7DxIfWaQ&s=09
https://twitter.com/web3isgreat/status/1490756965794037767
https://www.reuters.com/business/finance/nft-marketplace-shuts-citing-rampant-fakes-plagiarism-problem-2022-02-11/

Ja, ein Foto von Tim Berners Lee mit Facepalm als NFT wäre eine passende Bebilderung gewesen …

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