VWP040 Vortrag von Julia Reda zur Urheberrechtsreform bei der "Das ist Netzpolitik" Konferenz

Julias Vortrag bei der “Das ist Netzpolitik” Konferenz am 21. September 2018 in Berlin. Wie die Abstimmung zustande kam, welche Gerüchte dazu geführt haben, dass der Vorschlag im EU-Parlament angenommen wurde und welche Implikationen der Gesetzestext tatsächlich hat.

Musik am Beginn: Adam Selzer, “Vintage News”

***

Shownotes

Die vollständigen Slides als PDF

Blogpost Urheberrecht. Again.

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Erstes Schreibtreffen nach dem Sommer

Es war zu heiß. Und auch wenn es insgesamt dieses Jahr kein Sommerloch gab, ständig irgendwas war und ich überhaupt nicht zur Ruhe gekommen bin, hab ich im Sommer eine Schreibpause eingelegt – wie fast jedes Jahr. Ich erinnere mich noch gut, wie ich im August 2004 bei 36 Grad versucht habe, meine Magisterarbeit zu schreiben – und die hatte blöderweise einen Abgabeschluss. Ich bin beinahe wahnsinnig geworden. Ich werde ganz sicher niemals wieder etwas mit Abgabeschluss kurz nach dem Sommer schreiben. Keinesfalls. Ich sag ja immer wieder: Ich werde dieses Leben kein Sommermensch mehr.

Umso erfreulicher war es, heute die Schreibgruppe wiederzusehen. Erstaunlicherweise waren fast alle etwas angeschlagen. Erschöpft, Allergieschub, Arzt sagt, $Schreibkolleg*in soll mal zwei/drei Monate in den Krankenstand weil kurz vor Burnout, Verdacht auf Neurodermitis – es war nahezu alles dabei, was es an Gesundheitsfolgen von Überarbeitung und nervlicher Strapaze so gibt. Ich nicht ausgenommen. Und das gab mir dann sehr zu denken. Nichtmal das Schreiben ist das Problem, aber irgendwie verlangt uns das Leben offenbar ganz schön was ab. Einige sagten, sie wollen jetzt weniger Stunden im Dayjob arbeiten, weil sie es nicht mehr schaffen, eine macht sich jetzt selbständig, weil sie es im Dayjob nicht mehr aushält, … Gleich und Gleich gesellt sich gern? Oder ist das ein allgemeiner Trend? Mal beobachten.

Und ich? Mein Vertrag war nur auf vier Monate begrenzt und läuft am 31. Oktober aus. Und für danach hab ich momentan noch keinen Plan. Also eine Idee, was ich gern machen würde, hätte ich ja. Aber zur Umsetzung fehlt noch das Geld. Dazu mehr, wenn das Projekt konkreter werden sollte. Momentan ist es nur ein wirres Hirngespinst – wenn auch ein schönes.

VWP039 Urheberrechtsreform - Follow-Up

Nach der Abstimmung im EU-Parlament gibt es leider keine Entwarnung für Wikipedia & Co. Mit Julia Reda über den Stand der Urheberrechtsreform nach der Abstimmung im EU-Parlament am 12.09.2018 und wie es jetzt weitergeht.

Musik am Beginn: Adam Selzer, “Vintage News”

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Mehr Hardware für’s Podcasten

Mein Podcast Equipment hat gerade einen Neuzugang bekommen:

ein Fußpedal

Die Episoden des Datenschutz Podcasts sollen nämlich nach Möglichkeit alle ein volles Transkript bekommen und Transkribieren ist mit dem Umschalten zwischen den Programmen (Schreiben und Abspielen/Pause) ein ziemlicher Zeitfresser. Bisher hab ich ungefähr das Vierfache der Aufnahmezeit zum Transkribieren gebraucht – bei anderthalb Stunden Aufnahme also gute sechs Stunden. Und da sind Schneiden und Audionachbearbeitung noch nicht drin. Wobei ich zugegeben für die Audiobearbeitung gern Auphonic verwende, aber manche groben Störgeräusche frickel ich meist schon selbst vorher raus.

Ich bin jedenfalls mal gespannt, wieviel das Play/Pause-Umschalten mittels Pedal an Zeit spart. War auf Mac leider ein ziemlicher Aufwand, das zum Laufen zu bringen und geht auch nur in iTunes, nachdem es bei MacOS keine globalen “Hotkeys” gibt, aber immerhin. In Reaper wäre es natürlich perfekt, dann braucht man es nur einmal durchhören und kann gleich schneiden, wenn etwas zu schneiden ist, aber mal sehen, vielleicht krieg ich das noch parallelisiert.

Ich werde Bericht erstatten. 🙂

Website Redesign

Wann genau ist es eigentlich September geworden? Liebe Güte! Nun ja, jedenfalls hab ich vorgestern beschlossen, dass meine Hauptseite zotzmann-koch.com mal aufgeräumt gehört und gestern hab ich das durchgezogen. Sehr schlicht und deutlich übersichtlicher. (Finde ich – freu mich aber auch über Feedback!)

Jetzt muss ich nur noch überlegen, wie ich meinen Chatbot endlich mal auf der Seite integriert kriege, aktuell ist das freundliche Schaf ja nur auf Telegram zu finden. Ich vermute, das wird mal zwei bis drei Wochenenden Frickelei werden – also ein Projekt nach der PrivacyWeek dann.

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Urheberrecht. Again.

Heute war ich bei der Digital Society in Wien zu einer Diskussionsrunde zum Thema “Freie Presse, Kunst & Urheberrecht”. Auf dem Panel waren Vertreter*innen von ISPA (Verein der Internet Provider in Österreich), Wikimedia, IG Autoren, Verein für Anti-Piraterie der Film- & Videobranche und Freischreiber. Es hat immerhin etwas über eine Stunde gedauert, bis der Moment gekommen war, an dem ich schreien wollte, aber dazu gleich noch.

Die Diskussionsrunde war sehr ausgewogen besetzt und die Standpunkte haben alle grundsätzlich ihre Berechtigung. Allerdings wurde auch bei dieser sehr kleinen Runde schnell deutlich, dass die gesamte Diskussion am eigentlichen Problem vorbei geht. So waren IG Autoren und der Verein für Anti-Piraterie der Film- & Videobranche einhellig der (laut vertretenen) Meinung: „ES GEHT NUR UM URHEBERRECHTSDURCHSETZUNG, ES GEHT NICHT UM UPLOADFILTER!“ Nun ja. Doch.

Sorry, but no sorry: An der Stelle klinkte ich mich dann das erste Mal in die Diskussion ein. Doch, genau darum geht es. Wie Claudia Garád von Wikimedia auch sehr richtig erklärte, leben wir in einer Zeit, in der die Demokratien rund um die Welt und nicht zuletzt in Europa deutlich bessere Zeiten gesehen haben. Das Recht auf freie Meinungsäußerung bewegt sich auf sein Ende zu parallel zum allgemeinen Rechtsruck, den die Demokratien überall gerade hinlegen. Da ist es nicht die sinnvollste Lösung, eine Technologie zu entwickeln und weltweit auszurollen, die in Nullkommanix dazu eingesetzt werden kann, jegliche (kritische) Äußerung im Netz einfach vor der Veröffentlichung einzukassieren und schlicht nicht auftauchen zu lassen. Den Filtern ist nämlich völlig schnurz, wer ihnen was füttert. Was sie einmal gelernt haben, dass es rausgefischt werden soll, wird gnadenlos rausgefischt. Sei es Satire, genehmigtes Zitat, Meme oder regierungskritischer Kommentar in einem Forum.

Es wird für das eigentliche Problem keine technische Lösung geben können. Das Problem ist nämlich kein technisches, sondern ein strukturelles im gesamten (Medien)System. Das eigentliche Problem ist die nicht vorhandene gerechte Vergütung von Künstler*innen und Autor*innen – und das wird in der ganzen Diskussion wenn überhaupt mal am Rand erwähnt. Da geht es, wie in den o.g. Äußerungen der beiden Vereine, immer um Rechtsdurchsetzung, um Urheberrechte, um Verlage und Plattenfirmen.

Weiters ist zu beobachten, dass der ganzen Diskussion ein – meines Erachtens – falsches oder zumindest sehr eingeschränktes Verständnis der Geschäftsmodelle von Google, Facebook und Co. zugrunde liegt. Die Plattformen verdienen kein Geld mit den eigentlichen Inhalten. Die Annahme “ich publiziere ein digital zugängliches Werk und Google und Facebook verdienen dann Geld damit” ist so nicht richtig. Die verdienen am eigentlichen Inhalt keinen Cent, sondern entweder mit Werbung, die sie drumrum (oder auch mittendrin) platzieren, oder mit der Auswertung und dem Verkauf von Metadaten, die mit der Konsumation des Werkes einhergehen (und die auch der Werbeschaltung zugrundeliegen) – also wer liest welchen Text wo, wie lange, mit welchem Gerät, welche anderen Seiten sind im nächsten Browserfenster offen, welche anderen Seiten hat die- oder derjenige vorher wie oft besucht, befindet sich die Person in einem fahrenden Zug, mit wem kommuniziert die Person, etc. pp. Dieses Verständnis für die Geschäftsmodelle sollte dringend in der Diskussion einen festen Platz bekommen, denn diese Geschäftsmodelle sind grundlegend dafür, wie das Internet mittlerweile funktioniert und bildet ganz eigene Abhängigkeiten, die viel weiter gehen als “die zeigen mein Werk und ich krieg kein Geld dafür”.

Tatsächlich geht es bei der ganzen Debatte allerdings genau darum, dass Musiker*innen, Künstler*innen, Autor*innen Kinder haben, die zur Schule gehen und vielleicht auf Klassenfahrt mitfahren wollen. Darum, dass diese Kinder etwas zum Anziehen brauchen, warme Schuhe für den Winter, etwas zu essen jeden Tag und vielleicht sogar ein Weihnachtsgeschenk. Es geht um konkrete Menschen, bei denen am allerletzten Ende der Kette gerade mal 4-8% von dem ankommen, was Leser*innen, Hörer*innen, Zuschauer*innen bezahlen. Die ganze Kette hat doch etwas, wenn von den € 12,90 Ladenpreis die Autorin nur 80 Cent erhält. Das Problem ist konkret, real und jetzt.

Wenn ich mal tot bin, interessiert es mich nicht mehr, bis wann mein Urheberrecht geht, es ist mir völlig egal, dass das Urheberrecht bis 70 Jahre nach meinem Ableben gilt. Im Gegenteil, ich finde es im täglichen Leben nur hinderlich; ich würde zum Beispiel gern öffentlich aus der deutschen Übersetzung von 1984 vorlesen wollen, doch das Werk ist hier noch immer urheberrechtsgeschützt, denn es gilt in dem Fall nicht einmal das Ableben des Autors, sondern des Übersetzers. Für die PrivacyWeek 2016 habe ich wochenlang versucht, die Rechte für eine öffentliche Lesung beim Verlag zu bekommen und nie eine Antwort erhalten. Außerdem: wenn Menschen mit anderen Handwerksberufen sterben, bekommen die Erben ja auch nicht jedes Jahr etwas ausgezahlt, nur weil das Haus, das der Großvater als Architekt designt hat, noch immer dekorativ im Stadtzentrum steht. Statt Urheberrecht bis 70 Jahre nach meinem Ableben hätte ich lieber jetzt mehr von dem, was meine Leser*innen für meine Bücher ausgeben. Und ich hätte nicht nur gern das von Herrn Ruiss (IG Autoren) lautstark zitierte Persönlichkeitsrecht, dass ich bestimmen kann, dass meine Texte nicht bei einer FPÖ oder AfD Veranstaltung vorgetragen werden dürfen, sondern ich hätte auch gerne das Recht zu sagen, dass ich nicht will, dass meine Leser*innen beim Lesen meiner Texte getrackt und die daraus entstehenden Daten verkauft werden. Das wäre mal etwas, das ins digitale Zeitalter passen würde.

Die Verlagsbranche steckt noch in den 1960ern, da werden #Uploadfilter überhaupt nichts ändern. Wie Peter Purgathofer in meinem Datenschutz Podcast so schön illustrierte: Die ersten Computer-Schreibprogramme sahen aus wie Schreibmaschinen: der Curser war immer am Ende des geschriebenen Textes und man konnte nur von hinten nach vorne weglöschen. Sie imitierten das Verhalten, das Schreibende von den bis dahin bekannten Schreibmaschinen kannten. Aber bald kam man drauf, dass das digitale Medium ganz andere Möglichkeiten eröffnete: mit dem Curser irgendwo in den Text gehen, ergänzen, ersetzen, … und heute haben wir mit Scrivener und Co. ganze Schreibumgebungen, die mit einer Schreibmaschine nahezu nichts mehr gemein, aber alle Möglichkeiten haben, die man sich als Schreibende/r nur wünschen kann.

Genau das muss bedacht werden, wenn es jetzt daran geht, das Urheberrecht zu reformieren. So wie die Buchbranche momentan läuft, halten die Verlage krampfhaft an den alten Modellen fest und versuchen, die analoge Maschinerie in die digitale Umgebung zu zwängen. Aber stattdessen brauchen wir etwas, das die Möglichkeiten, die völlig anderen Zusammenhänge und Mechanismen im Netz von vornherein mit bedenkt.

Natürlich ist es einfach, die ganze Debatte als Google- und Facebook-Bashing aufzuziehen. Aber das sind nur zwei Mitspieler auf einem verdammt großen Spielfeld mit 4 Dimensionen. Große Mitspieler, aber eben nur zwei davon. Es gibt aktuell über 6.000 Firmen, die Geld mit dem Handel von Metadaten und dem Abgleich von Cookie-Daten verdienen. Insgesamt sind Google und Facebook da noch unser kleinstes Problem. Aber alle wollen Google und Facebook schwächen und dafür die angestaubte Verlagsbranche ins digitale Medium übertragen.

Außerdem haben sie sich gerade zwei Umsetzungen ausgesucht, die mehr Probleme bringen, als sie lösen. Das Leistungsschutzrecht ist in Spanien und Deutschland bereits gescheitert, weil die, die es treffen sollte (Google), ratzfatz aus der Regelung ausgenommen wurden, nachdem Google sagte: So eine Regelung könnt Ihr schon machen, dann fallen Eure Inhalte eben bei uns raus. Und die Medienhäuser sagten: Ok, dann gilt das eben für alle außer Google! Stattdessen zahlen die Medienhäuser jetzt mehrere Millionen Euro, um € 30.000,- einzunehmen. Was genau soll die “big player” nochmal dazu bringen, dass sie das jetzt nicht wieder genauso spielen, nur weil dann “EU” dranseht?

Das noch größere Problem wären die viel zitierten Uploadfilter. Mit denen reißen wir gleich ganz andere Problemfelder auf. Die oben genannten, drohenden Zensurmaschinen sind keine Fiktion. Es ist nicht sehr lange her, dass in der NS-Zeit oder danach in der DDR freie Meinungsäußerung mit einem längeren Aufenthalt in einem Arbeitslager oder einem Stasi-Gefängnis endete. Und auch heute ist das keine abwegige Idee, im Gegenteil. Am Ende können wir nichtmal darüber schreiben, weil eine kritische Meinung irgendwem nicht passt & die Veröffentlichung durch eben diese Filter verhindert wird.

Ja, ich bin als Autorin von den Änderungen am Urheberrecht selbst betroffen. Ja, ich würde sehr gerne vom Schreiben leben können und natürlich sollen alle Kolleg*innen ihre Familen mit ihrem Handwerk ernähren und die Kinder zur Schule schicken können. Und genau darum geht es. Nicht, wie man die sperrige Verlagsbranche irgendwie in dieses Internet gequetscht kriegt, sondern wie man ein neues, ins digitale Zeitalter passendes Vergütungsmodell aufstellen kann, mit dem Künstler*innen und Autor*innen nicht mehr nur das Letzte in der Kette sind.

Mir ist der Preis zu hoch, den Leistungsschutzrecht (#linktax) und vor allem Uploadfilter mit sich bringen. Das ist nicht die Lösung für das Problem, sondern nur eine Auswucherung des Versuchs, die Medienindustrie ins Netz zu hieven. Davon hat niemand etwas außer den großen Plattformen, die jetzt bereits Uploadfilter im Einsatz und die Ressourcen haben, weitere zu bauen. Das Kapital müssten sie auch nur kurz auslegen, denn kleinere Plattformen werden weder das Geld noch die Ressourcen haben, um eigene Filter zu bauen. Stattdessen werden sie bei Google und Facebook Lizenzen für deren bereits im Einsatz befindliche Filter einkaufen. Und wie funktionieren Filter? Man lädt einfach alle Inhalte als Muster für den Abgleich in die Datenbanken der Filterhersteller hoch. Damit verfügen die “big player” dann ganz organisch binnen kürzester Zeit über alle Inhalte im Internet und sind jederzeit in der Lage, alles davon aus dem zugänglichen Netz verschwinden zu lassen.

Was mich immer wieder wundert ist der tiefsitzende Glaube, dass Technik die Probleme der Welt lösen wird. Ich habe ausreichend Technik scheitern sehen um überzeugt zu sagen, dass jede Technik Fehler hat. Uploadfilter mögen am Ende vielleicht zu 95 % akkurat laufen. Selbst wenn wir 99,8 % annehmen, kommt es hier auf das Verhältnis an. 99,8 % von angenommen 20 Milliarden Uploads weltweit pro Tag, da bleiben bei 0,2 % Fehlerquote 40.000.000, also 40 Millionen Fehler. Pro Tag. 40 Millionen Künstler*innen, die vielleicht ihre eigenen Texte/Musikstücke/Bilder nicht veröffentlichen können. 40 Millionen Familien, die vielleicht davon abhängen, dass dieses Stück an die Fans und Follower gelangt, damit auch im nächsten Monat die Miete bezahlt werden kann. Natürlich klingt 99,8 % nach viel und guter Trefferquote – solange man nicht zu den 0,2 %, also den 40 Millionen aus dem Beispiel zählt.

Ich weiß, ich wiederhole mich. Aber es wird für das konkrete Problem, das in der Diskussion um die Urheberrechtsreform gerade mal am Rande erwähnt wird, keine technische Lösung geben können. Man kann keine sozialen Probleme mit Technik erschlagen.

Ein Vorschlag, der aktuell im Raum steht, ist z.B. eine Pauschalabgabe analog zur Festplattenabgabe, die dann an die Schaffenden verteilt werden könnte, so Julia Reda in der letzten Vienna Writer’s Podcast Episode. Andere Modelle sind eine (Teil)Finanzierung der Schaffenden via Crowdsourcing, zum Beispiel über Patreon oder Steady. Selfpublishing wird immer größer und liberalisiert den Markt, Autor*innen haben die Möglichkeit, (fast) direkt von ihren Leser*innen bezahlt zu werden (je nachdem, ob man Distributoren dazwischen haben will oder nicht). Es gibt viele Ansätze und es wird sich auch im Digitalen ein gangbarer Weg entwickeln lassen. Ein Modell, das in dieses Internet passt. Die TAZ lebt es ebenfalls bereits seit Jahren vor und bestreitet mittlerweile einen guten Teil ihrer Finnzierung durch die Paywahl (statt Paywall). Crowdsourcing ist ein Weg, den ich mir beispielsweise sehr gut vorstellen kann.

Manchmal muss man nicht immer mehr verbieten, sondern ein bisschen loslassen und eine natürliche Entwicklung zulassen können. Ja, wir brauchen Regelungen. Aber wir brauchen auch etwas Spielraum, um diejenigen einzubinden, die es ebenfalls trifft, die in der Debatte bisher aber nur als Störelement vorkommen: die Leser*innen, die Hörer*innen, die Zuschauer*innen. Nicht umsonst haben sich Plattformen wie Patreon und Steady entwickelt, denn die überwiegende Mehrheit der Menschen möchte den Schaffenden – ebenso wie Onlinemedien – eine Vergütung zukommen lassen. Autoren wie z.B. Cory Doctorow verkaufen ihre Bücher auf ihrer eigenen Website, weil sie damit 30 % mehr verdienen, als über Amazon. Es gibt Alternativen und gangbare Modelle überall im Netz, man muss sie nur sehen wollen und daraus lernen, wie es in Zukunft gehen kann. Und ganz bestimmt gibt es noch Möglichkeiten, die erst noch erdacht werden.

Ich bin optimistisch, dass es funktionieren kann, von der Kunst zu leben. Der Trend geht ja dort hin, wenn auch langsam. Mit einem freien und kreativen Internet können wir das schaffen. Nur Leistungsschutzrecht und Uploadfilter müssen wir vorher noch verhindern und uns an der Diskussion beteiligen, aus der Schaffende und Konsument*innen bisher offenbar herausgehalten werden.

Seid laut, redet mit.

#Urheberrecht #SaveYourInternet #article11 #article13

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VWP038 Urheberrechtsreform, Uploadfilter und Leistungsschutzrecht

Faire Bezahlung für Künstler*innen und Autor*innen geht anders. Mit Julia Reda über den aktuellen Stand im Urheberrecht und warum Uploadfilter eine schlechte Idee sind.

Musik am Beginn: Adam Selzer, “Vintage News”

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Logbuch Netzpolitik 259 zu Uploadfiltern und Leistungsschutzrecht

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Petition der DigitalCourage gegen Uploadfilter (DE)

Blogpost Ja, wir brauchen ein neues Urheberrecht. Leistungsschutzrecht und Uploadfilter sind keine Lösung.

Die PRO-Seite:
Seite zu Lesungshonoraren und gerechter Vergütung bei den Mörderischen Schwestern
Initiative Urheberrecht

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VWP037 Hörbücher produzieren

Mit Markus Stromiedel zum Selfpublishing von Hörbüchern, Aufnahmetechnik, was tun bei Versprechern, die Nachbearbeitung, Nebengeräusche – und einem Leifheit Wäscheständer.

Musik am Beginn: Adam Selzer, “Vintage News”

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Shownotes

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Janas Lieblingsplätzchen Podcast
C3W
PrivacyWeek
Podstock Festival

Markus Stromiedel
Kino im Kopf / Kopf-Kick
tatort-schreibtisch.de

Thomann (vermutlich alles, was man je an Audioequipment brauchen oder wollen kann)
Teleprompter App “ProPrompter Studio”
Auphonic
Hörmordkartell
Bookwire
Amazon ACX (Audiobook Creation Exchange)
Audacity
Napster

Notizen

Marus Stromiedel hat einen kleinen Verlag gegründet und produziert selbst Hörbücher in Studioqualität; zuerst nur für seine eigenen Bücher, dann auch für einige Kolleg*innen und mittlerweile ist eine ganze Hörbuchreihe daraus geworden.

Die Grundidee war, dass Leser*innen den Autor*innen bei Lesungen gern zuhören. Warum also nicht die Lesung zu den Leser*innen nach Hause bringen? So kam es zu der Tatort-Schreibtisch-Reihe “Autoren Live”. Bei allen Hörbüchern dieser Reihe interpretieren die Autor*innen selbst ihre Bücher.

Markus’ Vortrag zu Hörbüchern auf der diesjährigen Criminale war gut besucht. Markus hat aber alle gewarnt und gesagt, sie sollen es sich sehr gut überlegen, ob sie das wirklich selber machen wollen, vermutlich hat sich deshalb noch niemand bei ihm gemeldet für ein selbstproduziertes Hörbuch.

Markus hat mit seinen eigenen Büchern angefangen. Schon sehr früh hat er die Hörbuchrechte seiner Romane bei sich behalten. Für das erste Buch wurde vom Verlag ein Hörbuch produziert, danach aber keine mehr, weil es sich damals für den Verlag nicht lohnte, eine aufwändige CD-Produktion mit Booklet und 6-8 CDs zu machen (das war vor Downloadzeiten). Sein erstes Buch war Spitzentitel beim Verlag mit einer großen Werbekampagne, wo die CDs gleich mit produziert wurden, trotzdem war das Ergebnis für Markus nur unbefriedigend. Wirtschaftlich war es ok, die Lizenzen wurden gezahlt. Aber das Ergebnis war ein auf die Hälfte gekürztes Buch, das überdies zwar von einem Top-Sprecher gesprochen wurde, aber wie er es gesprochen hatte, passte gar nicht zu dem, wie Markus selbst sich das Buch vorgestellt hatte.

Beim zweiten Buch gab es keine große Werbeaktion und auch keine Hörbücher mehr – zu dem Zeitpunkt muss ein Autor schon ein Selbstläufer sein. Beim Verhandeln des dritten Buches nutzte er die Chance und behielt die Hörbuchrechte bei sich.

Nach einigen Jahren bot sich die Gelegenheit, die Hörbuchrechte in die Tat umzusetzen. Nachdem sich gerade der Markt komplett gewandelt hatte und Downloads aufgekommen waren, nutzte er die Chance.

Einen Hörbuchdownload zu produzieren ist ungleich günstiger, als eine CD-Produktion. Man hat “nur” die Arbeit der Aufnahme, die Investition in die Produktion der Tonträger fällt weg.

Die ersten Bücher sind im Leseförderprogramm Kopf-Kick zu finden. Das waren große, aufwändige Produktionen mit einer halben Stunde Filmmusik eines befreundeten Filmkomponisten. Der Erfolg war so groß, dass daraus der mut für das Projekt “Autoren live” entsprang.

Filmmusik und was die Dimension “Ton” noch alles zum nicht-nur-Text dazubringt … Bücher wirken auf einmal ganz anders.

Es gibt Unterschiede, ob man Bücher liest oder vorliest.

Am 1. August ist gerade der nächste Band von Markus’ Kommissar Selig Reihe erschienen, die folgenden zwei Bände erscheinen im September und Oktober. Die Hörbuchrechte der ersten Bände liegen bereits wieder bei ihm und damit hatte er die Chance, die Bücher als ungekürzte Hörbücher noch einmal komplett neu aufzunehmen.

Zu Markus’ Verwunderung haben sich die ersten Bücher besser vorlesen lassen als die neueren. Der Sache will er noch auf den Grund gehen.

Aber der Hinweis ist gut: Gleich beim Schreiben dran denken, ob man den Text dann später auch gut vorlesen kann!

Laut vorlesen ist ohnehin ein guter Tipp, um sich dem eigenen Manuskript noch einmal neu zu nähern; wie wenn man die Schrift wechselt oder das Schriftbild tauscht, hat man nochmal einen ganz anderen Blick darauf.

Dass es das erste Buch der Kommissar Selig Reihe schon als Verlagsproduktion gibt, hat Markus nicht gestresst. Das gibt es auch noch immer in der gekürzten Fassung mit professionellem Sprecher zu kaufen. Aber jetzt auch die ungekürzte Lesung vom Autor selbst.

Markus hat übrigens auch eine Sprecherausbildung.

Stressig wurde es erst beim (Vor-)Lesen; das Buch hat 14 Stunden. Das heißt, man sitzt 14 Stunden da, plus all die Stunden, die man anhält, wiederholt und korrigiert, … Das sind am Ende gut 30 Stunden, die man liest und liest und liest. -> Jetzt eine gekürzte Fassung! 😉

Aber wenn das Buch dann fertig ist mit Musik und fertig produziert, dann ist alles gut. Dann gibt es eine Fassung, wo wirklich jedes Wort so ist, wie man es haben wollte, wo man es geschrieben hat. Das ist sehr, sehr schön.

Wenn man als Autor*in beim Cover schon nicht mitreden kann, ist das meist schon schlimm genug. Aber wenn dann noch ein/e Sprecher*in das Buch interpretiert und es klingt auch noch ganz anders, als man es sich beim Schreiben vorgestellt hat, dann sind Autor*innen schon sehr unglücklich.

Es gibt tolle Sprecher*innen, die ein Buch auch auf’s nächste Level bringen können. Aber nicht jede/r Vorleser*in ist für jede/n Hörer*in geeignet. Viele unterscheiden auch gar nicht, ob es ein Schauspieler*innen-Hörbuch oder ein Autor*innen-Hörbuch ist. Am Ende ist auch völlig egal, wer das Buch vorliest, am Ende muss ein gutes Hörerlebnis stehen. Daher sollte man, bevor man selbst ein Hörbuch aufnimmt, nochmal in sich gehen und ehrlich zu sich sein: Kann ich das?

Nochmal zurück zu den Stunden: Markus sagte vorher, dass er für ein Hörbuch von 14 Stunden Länge 30 Stunden Aufnahmezeit gebraucht hätte. Aber 1:2 ist schon ein sehr guter Schnitt! Bei den Aufnahmen im Studio, bei denen sich der Tontechniker um die ganze Aufnahme kümmert, ist man viel konzentrierter am Text und kann nach einer kurzen Unterbrechung sofort weiterlesen. Da kommt man schneller voran.

Wenn man ein Hörbuch selbst aufnimmt, muss man ständig die Rollen wechseln: Lesen – merken, dass etwas nicht passt – als Tontechnier an den Rechner gehen – Aufnahme stoppen – an die Stelle zurückfahren – usw. – usw. – dann wieder in das Gefühl des Lesen zurückfinden; das ist unglaublich zeitaufwändig.

Das ist beim Podcasten übrigens auch so, dass man Teile neu aufnimmt, weil etwas noch nicht passt. 😉

Vor allem hat man, wenn man etwas neu einspricht oder noch etwas dazwischenstückelt, immer Brüche drin.

Und jetzt die Sache mit dem Leifheit Wäscheständer … Das ist nämlich die einzige Chance, als Autor*in einen Wäscheständer von der Steuer abzusetzen! 😉

Markus hat sich an sein jetziges Setup herangetastet. Die ersten beiden Bände der Torwächter Reihe hat er mit einem befreundeten Tontechniker im Tonstudio aufgenommen. Für das Leseförderprojekt hat er einen sehr guten Preis für die Stunden dort bekommen. Das dritte Buch hat Markus im Büro mit einem MP3-Player/Aufnahmegerät aufgenommen, das Ergebnis war allerdings dasselbe. Wieder musste der Tontechniker die ganzen Aufnahmen noch einmal anhören und hat viele Stunden dran gesessen. Deswegen haben sie dann für die Autoren Live Reihe ein neues Setup entwickelt.

Die erste Überlegung war, dass ein Headset nicht geht, weil man für eine Hörbuchaufnahme vor dem Mikrophon flexibel sein muss. Man spricht nicht immer gleich in das Mirko, sondern man geht z.B. ein Stückchen weiter zurück, wenn man brüllen will. Für die Figuren hat sich Markus Positionen im Raum gesucht – der Kommissar ist rechts oben an der Seite, der Bösewicht ist unten links, etc. und das Hinbewegen mit dem Körper zu den Figuren im Raum – manchmal nur ein Zentimeter! – hilft, die Stimme um diese Nouance zu verändern, dass der Tonfall erkennbar ein anderer ist.

Ziel für Markus: ein Hörbuch muss im Idealfall wie ein Hörspiel sein.

Mit einem passenden Mikro und dem Rest vom Setup hat sich Markus dann unter den mit Decken behängten Leifheit Wäscheständer gesetzt – weil der in der Mitte kein Kreuz hat! Wäscheständer mit Decken erzeugt eine sehr trockene Atmospäre.

Markus’ Setup:
* lüfterloser Laptop mit SSD (leise)
* Mikro: Shure SM 7B
* Mikroverstärker: Tube MP
* Steinberg USB Audiointerface UR 22 MKII
* stabiler (Tisck) Mirkofonständer
* diverse Verbindungskabel
* ein guter Kopfhörer, den man lange tragen kann
* Schnittprogramm: Audacity
* und ein Leifheit Wäscheständer

Klaudias bisheriges Setup (zum Vergleich):
* Mikro: Rode NT01
* Mikrofonspinne: Rode SM6 mit Gewebe-Popschutz
* Tisch-Mikrofonarm: Rode PSA-1 (weil stark genug, das schwere Mikro plus Spinne & Popschutz zu halten)
* Aufnahmegerät: Zoom H4n
* diverse XLR Verbindungskabel & SD-Karten
* Kopfhörer: Beyerdynamic DT-770 Pro 250 Ohm (mit Plüschbezug, Leder schwitzt mir zu sehr)
* Schnittprogramm: Reaper mit Ultraschall Plugin
* bisher kein Leifheit Wäscheständer, der kommt noch, wenn ich mich mal dranmache, Hörbücher aufzunehmen! 😉

Zum Podcasten verwende ich meist das Zoom H4n plus Headset (AKG HSC-271). Das Headset hat einen XLR Anschluss und kann mit einem Audiointerface (z.B. Blue Icicle) auch per USB an den Rechner gehängt werden – das mach ich, wenn ich bei anderen Podcasts zu Gast bin und remote dazugeschaltet werde.

Zurück zu den Hörbüchern …
Markus nimmt direkt in eine Stereospur im Schnittprogramm auf. So prüft er schon während der Aufnahme mit dem Kopfhörer, ob er übersteuert o.ä.. Immer sauber aussteuern ist zwingend notwendig: zwischen -24 und -18db, Peaks bis -6db, das ist auch die Vorgabe/Lieferbedingung für Audible.

Beim Podcasten nehme ich mit dem Headset ins Aufnahmegerät auf, Markus macht das etwas schlauer, indem er direkt ins Schnittprogramm aufnimmt und währenddessen überarbeitet. Wenn er sich bei einem Absatz verspricht, spult er gleich zurück und macht ihn neu, anstatt ihn stehen zu lassen, um zu vermeiden, bei der Postproduktion versehentlich einen ganzen Absatz zu überarbeiten, um dann festzustellen, dass danach “Unterbrechung” / “der Absatz nochmal neu” kommt.

Markus’ Vorgehensweise bei Versprechern:
– zurückspulen
– Absatz löschen
– Curser ans Ende der Aufnahme geben
– ca 10 Sek zurückgehen
– anhören, was man gesprochen hat
– mitsprechen, um in den Fluss und Tonfall wieder reinzukommen
– am Ende der Aufnahme hört das Programm automatisch auf
– während des Sprechens mit einem Tastendruck die Aufnahme wieder starten

Auf die Art kann er die “Anschluss-Sprünge” auf ein Minimum reduzieren.

Man muss allerdings sehr aufpassen, dass man nicht “technisch” liest. Wenn man im “Tontechniker-Modus” ist, wird die Aufnahme nicht gut. Bei der Aufnahme muss man sich klar machen: Du bist der/die Sprecher*in, der/die in das Buch mit den Hörer*innen eintaucht! Das Eintauchen ist das Wichtige! Wenn man unterbricht um etwas zu schneiden, dann muss das nebenbei passieren und sobald man wieder liest, muss man wieder in der Geschichte drin sein.

Wenn man am Audiomaterial arbeitet, ist das anders, als wenn man an einem geschriebenen Text mit Absätzen und Seiten arbeitet. Man sieht die Wörter nicht, sondern nur “Schlangenlinien”. Man kann auch nicht nach einem Wort suchen, sondern im Zweifelsfall muss man alles nochmal anhören.

Markus ist schon ein paar Schritte weiter, er kann die Wellenformen schon “lesen”. Man kann zwar keine Wörter lesen, aber erkennen, wenn sich etwas wiederholt. Beispielsweise das Wort “Kapitel” sieht immer gleich aus und hat immer den gleichen Abstand von 4-6 Sekunden davor. Markus sieht über die Wellenlinien, wo die Kapitel beginnen. Daneben hat er den Text mit gut erkennbaren Absätzen auf einem zweiten Rechner offen. So hat er sowohl Text als auch Audioaufnahme zeitgleich im Blick und kann relativ schnell zu bestimmten Abschnitten springen.

Wenn er vielleicht mal “abgesprungen” statt “aufgesprungen” gesagt hat, sucht er sich eine andere Stelle mit demselben Wort und falls es das nicht gibt, dann mit derselben Silbe, um diese dort zu kopieren und an der fehlerhaften Stelle zu ersetzen. Wenn es nicht 100%ig passt, sind die Höder*innen meist gnädig oder denken, die/der Sprecher*in hatte Schluckauf. Oder sie merken es überhaupt nicht.

Tontechniker machen Flickarbeit mit einzelnen Silben durch den Text durch.

Wenn man ein Hörbuch selbst aufnimmt, muss man sich vorher darüber im Klaren sein, dass man sehr viele Dinge einfach selber tun muss, wie beim Selfpublishen eines Buches auch. Als Verlagsautor*in schreibt man das Buch und das war’s. Als Selfpublisher*in muss man sich auch um Cover, Buchsatz, Werbung, Pressearbeit, etc. kümmern -> alles Arbeiten, die einem vom Schreiben abhalten!

Markus hat mehrere Wochen an den aktuellen drei Hörbüchern gearbeitet – jedes über 400 Seiten. “Eins mit 480 Seiten einzusprechen ist ja auch irgendwie eine bescheuerte Idee.”
“Könnte von mir sein!”
Aber das ist der Preis, dass das Buch hinterher bei Sudible, Napster, etc. zu kaufen ist. Aber es ist einfach eine Schweinearbeit. Zusätzlich zu all den Stunden, die man das Buch vorher schreibt! Und Vertrieb, Pressearbeit, etc. für das Hörbuch auch nochmal …

Hörbücher sind ein ganz eigenes Feld.
Und Hörbuchhörer*innen sind ganz anders als Leser*innen.
Es gibt einmal die reinen Höder*innen, dann eine kleine Gruppe von Menschen, die kaufen sowohl das Buch oder eBook und das Hörbuch, um z.B. im Auto weiterhören zu können.
Was nicht passiert ist, dass Hörbuchhörer einem Leser wegnehmen. Und Leser*innen die streamen (z.B. Napster), sind wieder ganz anders, die suchen nicht nach einem bestimmten Buch, sondern schauen sich im aktuellen Angebot um. Ach die nehmen keine Leser*innen weg, sondern sind ein ganz eigener “Markt”. Deswegen gibt Markus die Bücher auch sofort ins Streaming, sobald sie herauskommen.

Spannend: Wer überhaupt kein Kunde eines Download-Hörbuchs ist, sind Besucher von Lesungen! Auch wenn bei Lesungen viele fragen, wann die Bücher als Hörbuch rauskommen, die Erfahrung aller Autor*innen ist, dass die Hörbücher bei Lesungen nicht genommen werden. Wer nur wegen solcher Anfragen bei Lesungen Hörbücher machen will, sollte es lassen. Man muss bereit sein, bei Audible und ins Streaming zu gehen.

Zurück zur Postproduktion – diese Nebengeräusche!
Die Stimme ist nicht jeden Tag gleich und ein Hörbuch liest sich nicht an einem Tag. Man hat also zwangsläufig Brüche drin, das lässt sich nicht vermeiden.

Es ist immer dann gut, wenn man die Stimme nicht überlastet – 2 bis 4 Stunden pro Tag lesen und über mehrere Wochen aufnehmen ist gut. Man sollte auch immer schon geredet haben, bevor man aufnimmt, sonst ist die Stimme noch zu rau.

Markus hatte sich schonmal zeitlich verkalkuliert und musste dann 8 Stunden am Tag sprechen. Da war der Unterschied zwischen der letzten Stunde vom Vortag und dem Anfang vom nächsten, ausgeschlafenen Tag sehr deutliche Unterschiede. Aber die Hörer*innen akzeptieren das sehr schnell.

Nebengeräusche sind dafür die Hölle.
Zum Einen Geräusche, die vom Sprecher selber kommen, z.B. wenn man zuviel Speichel produziert – Blubbern vor’m “L” oder Knackser am Satzende. Das ist in der Nachbearbeitung die Hölle und es wird trotz vielen Stunden Arbeit trotzdem nicht perfekt.

In jedem Fall Probeaufnahmen machen und jemanden zum Hören geben, der schon im Tonstudio gearbeitet hat, hilft ungemein.

Eine Lösung für z.B. das Speichelproblem ist, einige Stunden nichts zu trinken vor dem Einsprechen. Das ist zwar in der Situation zwar anstrengend und über Wochen auch nicht leicht, aber es reduziert die Nachbearbeitung um ein Vielfaches.

Keine glatten Flächen und alles mit Stoff auslegen/abkleben, damit kein Hall oder Nebengeräusche entstehen. Eine Sprecherkabine ist sehr hilfreich.

Nicht ans Mikrofon anstoßen und auch nicht zu dicht drangehen.

Je sauberer die Aufnahme, desto einfacher die Postproduktion!

Papierrascheln ist auch nicht gut. Man kann stattdessen mit einem Tablet arbeiten, den Text als Textdatei auf’s Tablet laden, das Wischen hört man nicht, Blättern hingegen schon. Wenn man mit Papier arbeitet, dann in jedem Fall schräg halten, dass eventuelle Knackgeräusche nicht auch noch durch die Resonanzfläche hinter dem Mikro verstärkt werden.

Ein gutes Mikro ist auch extrem hilfreich. Das vom Markus hat z.B. nur einen sehr kleinen Bereich, dass ein entfernt zu hörendes Flugzeug z.B. gar nicht mit in der Aufnahme war.

Ein gutes Setup kostet so um die € 500,- – eine Investition die sich lohnt, weil sie am Ende Arbeit spart.

Ich hab ja während der Sprecherausbildung festgestellt, dass ich Spaß daran habe, u.a. auch an Nachrichten sprechen. Die Sprecherkabine bei der Sprecher Akademie war zwar sehr klein, aber es hat Spaß gemacht.

Bei einem kleinen Auftrag hatte ich mal einen Teleprompter – das war extrem praktisch. Das Ganze lief als App auf sowohl einem iPad als auch einem iPhone; das iPad war fixiert vor mir und am iPhone konnte man nebenbei die Geschwindigkeit steuern.

Bei der Aufnahme ist man ja auch nicht vor Publikum, dass man Angst haben muss, sich am Tablet zu verblättern.

Beim Podcasten mach ich es mir ja einfach mit Auphonic.
Markus macht Knackser, etc. in der Postproduktion manuell raus.

Die ersten zwei Stunden müssen perfekt sein, um die Hörer*innen “am Haken” zu haben. Nach den ersten zwei Stunden lässt Markus schonmal Knackser innerhalb eines Wortes drin. Sehr scharfe Knackser müssen aber alle raus.

Man wundert sich, was auch in Profibüchern noch alles drin ist! Die Hörer*innen sind offenbar eine Menge gewöhnt. Natürlich muss man eine gute Arbeit abliefern, aber 100% knacksfrei muss man es nicht machen.

Podcasts sind dagegen überhaupt stressfrei, die müssen nicht perfekt sein. Es gibt zwar auch Radioproduktionen mit vielen Sound-Ebenen, die als Podcast veröffentlicht werden, aber der Großteil sind “Privatproduktionen”, wo Menschen sich einfach unterhalten und da gibt es dann auch einfach Nebengeräusche, wie ein Kind einen Ball fängt, die Katze vom Tisch fällt oder sonstwas.

Wenn man ein Hörbuch professionell aufnehmen und verkaufen will, sollte man das allerdings deutlich enger sehen.

Und lohnt sich das mit diesen Hörbüchern eigentlich?
Manche Hörbücher haben € 50,- eingebracht, andere mehrere tausend. Wenn man eine gute Fanbase im Internet hat und bereit ist, im Netz auch was dafür zu machen, dann kann das gut werden. Aber es ist kein Selbstläufer und der Erfolg ist auch unabhängig von der (Audio-)Qualität.

Die Antwort ist aber beim Schreiben dieselbe: Wenn jemand fragt “soll ich ein Buch schreiben?”, dann muss derjenige vor allem Spaß am Schreiben haben, dass es in jedem Fall am Ende keine verlorene Zeit war! Man muss Spaß am Schreiben und auch am Aufnehmen haben. Um reich und berühmt zu werden, taugen weder das Schreiben noch das Aufnehmen.

Genremäßig laufen Jugendromane und Krimis gut. Komödien werden schon spezieller. Kurz gesagt: Was sich am Buchmarkt gut macht, läuft auch als Hörbuch gut.
Gute Bewertungen sind extrem hilfreich! Wenn ein Buch im Ranking steigt, findet es dann wieder neue Hörer*innen und bekommt wieder weitere Bewertungen. Das Muster zieht eigentlich immer.
Autor*innen, die erfolgreich sind mit ihren Büchern, viel unterwegs sind auf Lesungen, die sind auch mit Hörbüchern erfolgreicher.
Ein Autor, der eine starke lokale Fangruppe hat, der lokal viele Lesungen macht, viele Bücher verkauft, aber bundesweit kaum bekannt ist, von dem haben sich die Hörbücher auch kaum verkauft.

Immer auf die Zielgruppe achten! Man muss die Kunden erreichen, die auch Hörbücher hören.

Das Hörmordkartell macht Krimi-Kurzgeschichten als Hörbücher. Markus hat da noch nichts veröffentlicht und ich hab noch keine Antwort bekommen.
Das Hörmordkartell sucht sich ihre Fanbase zusammen – die Nische ist klein! Aber sie machen das bislang sehr ambitioniert.
Markus hat dafür zwei Kurzgeschichten als Hörbuch-Singles veröffentlicht, die schon eine große Zahl an Rezensionen haben. Die Nische “Kurzgeschichte als Hörbuch” scheint durchaus interessant zu sein.
Das Hörmordkartell hat übrigens nicht nur professionelle Sprecher, sondern auch Aitor*innen, die ihre eigenen Geschichten sprechen.

Audible, Napster, Spotify, Apple Store, Google Shop, …
Markus hat einen Buchverlag mit Gewerbeanmeldung, Handelsregister, etc.pp. und damit ganz andere Möglichkeiten. Bookwire z.B. macht nur Verträge mit Verlagen, nicht mit “Einzelkämpfern”.

Joanna Penn macht rein Selfpublishing und veröffentlicht auch ihre Hörbücher via Amazon ACX selbst.

Den Hörer*innen ist es übrigens vollkommen wurscht, wie ein Buch entstanden ist, es muss einfach eine Profiarbeit sein. Das ist dasselbe wie beim Selfpublishing. Da muss ein Lektorat und ein Korrektorat drübergehen. Und beim Hörbuch muss einfach eine wirklich gute Qualität vorliegen.

Für Selfpublishing Bücher gibt es schon “Komplettservices”, um ein Buch komplett selbst herauszubringen. Vielleicht wird es so etwas auch einmal für Hörbücher geben. Ich kann mir das gut vorstellen, Markus ist vorsichtig gespannt, weil gerade die Qualitätsfrage im DIY Bereich eine große ist.

Der von mir häufig zitierte Cory Doctorow liest seine Novellas übrigens in seinem Podcast vor – immer so auf 20 Minuten und über mehrere Episoden hinweg. Das wäre vielleicht ein Format, mit dem man experimentieren kann, bevor man sich 90 Stunden an ein volles Hörbuch begibt (und dann nur € 50,- einnimmt).

Mixed Media und Buchserien, die einfach irgendwann aufhören – ich finde, das ist ein Problem.
Markus kann den Verlag verstehen, wenn sie nach einem Buch, das rote Zahlen gebracht hat, keine weiteren Hörbücher produzieren. Aber für die Hörer*innen ist das eine Katastrophe.

Markus hat immer alle Bücher produziert, die er den Leser*innen und Hörer*innen auch versprochen hat. Aber Verleger sind da finanziell (leider) sehr vorsichtig. Für die Hörer*innen wäre es aber gut, das Buch dennoch zu machen – vielleicht als Podcast, mit einem anderen Sprecher, etc. Es gibt schon Möglichkeiten, die aber Kreativität und Flexibilität erfordern. Und das haben Verlage meist nicht.

Der gute Rat an alle, die jetzt noch immer überlegen, ob sie das mit dem Hörbuch selber machen mal probieren sollten:
Wenn man bereit ist, viel Arbeit zu investieren, viel selbst zu machen, sich vorab viel zu erarbeiten, zu üben, etwas Neues zu lernen, … – wenn man daran Spaß hat, ist das eine spannende Sache!

Man kann mal vorsichtig damit anfangen, sich Audacity runterzuladen und einfach mal eine Aufnahme zu starten. Dran denken, an Audiacity zu spenden! 🙂 Dann Menschen vorspielen und fragen, was sie davon halten – vllt auch Menschen fragen, die einen nicht mögen, damit man eine ehrliche Antwort bekommt.
Der nächste Schritt ist, mal 20 Minuten am Stück aufzunehmen. Und sich dann überlegen, wie es ist, wenn man das jetzt 30 Stunden lang macht. Hab ich da Lust drauf?
Wenn die Antwort noch immer Ja! ist, dann schauen, ob man sich Technik ausleihen oder ein Studio anmieten kann.

Für Markus ist es mit den 4 Hörbüchern, zu denen jetzt nochmal 3 dazu kommen, ein wesentlicher finanzieller Faktor im Einkommen geworden.

Aber gerade am Anfang muss es Spaß machen!

Und zum Anfang ein Buch nehmen, das standalone ist und nicht der zweite oder dritte Teil einer Serie.
Zum Üben eignet sich vielleicht eine Kurzgeschichte.

Beim Selbertun merkt man dann, welche Tricks und Kniffe die Profis machen – das macht den großen Spaß an der Sache aus!
Was Neues lernen ist immer toll. Das Schlimmste ist, wenn etwas langweilig wird.

Markus Stromiedel ist im Netz zu finden unter:
tatort-schreibtisch.de -> Autoren live
kick-verlag.de
Napster

Amazon und Audible nehmen übrigens ca 50% Provision. Alle anderen Vertriebswege sind für die Autor*innen besser! Wir wollen ja alle, dass möglichst viel bei denen ankommt, die die Bücher schreiben/aufnehmen! 🙂

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Zu Gast im Lieblingsplätzchen Podcast

Letzte Woche war ich zu Gast bei Jana im Lieblingsplätzchen Podcast und hab viel aus dem Nähkästchen geplaudert – von meiner Zeit hier in Wien, von meinem “früheren Leben” mit meinem Exmann in Korneuburg (und meinen Exkatzen), von den aktuellen Buchprojekten, den C3W und der PrivacyWeek und was ich sonst grad alles so mache. 🙂

-> hier geht’s zur Podcastfolge
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Vom Urheberrecht zu mutwilligen Falschaussagen

Es ist schon erstaunlich, wie sich dann doch eine größere Menge Menschen plötzlich für etwas so Trockenes wie das Urheberrecht erwärmen kann. Erhitzen eher, denn die Wortschlachten sind schon interessant anzusehen.

Zunächst einmal: Es ist gut, dass das Thema größer wird und den Weg in die breite Masse findet. Wir brauchen wirklich eine sinnvolle Auseinandersetzung, wie wir als Gesellschaft mit der Vergütung von Kreativarbeit umgehen wollen. Wie ich im letzten Blogpost schrieb, sind Leistungsschutzrecht und Uploadfilter allerdings keine Lösung des konkreten Problems, sondern werden nur die Onlineriesen stärken und bei den Künstler*innen selbst wird nichts ankommen, außer Maulsperren.

Es ist nicht verwunderlich, dass Google, Facebook und Co. FÜR Uploadfilter sind – immerhin haben sie bereits welche im Einsatz und können die dann an ALLE Plattformen vermieten (aka: lizensieren) und Geld damit verdienen. Außerdem liegt es im Interesse der großen Plattformen, SÄMTLICHE Inhalte des Internets bei sich zusammenzuführen, um diese dann auszuwerten und die “Erkenntnisse” an Werbefirmen weiterzuverkaufen.

Heute erschien ein Artikel im Kurier, der – einen Tag vor der Abstimmung im Europaparlament – den österreichischen Medienministers Blümel zitiert und damit noch eben 5 vor 12 einige Falschaussagen konstatiert.

Unter anderem soll Google und Facebook die kostenfreie Nutzung von Artikel-Vorschauen untersagt werden. Und Upload-Filter sollen verhindern, dass geschützte Filme oder Musik überhaupt erst auf YouTube gestellt werden. Dagegen laufen die Online-Giganten und auch andere Interessensvertreter jedoch Sturm.

Hier steht zum Beispiel, dass die Internetriesen wie Google und Co GEGEN die Uploadfilter “Sturm laufen” würden. Wie gesagt, sie sind tatsächlich aber DAFÜR. #quibono

Die „Zensur“-Kritik an den Upload-Filtern, mit denen geschütztes Material schon beim Hochladen entfernt werden soll, sei eine „bewusste Falschinformation, die gezielt von jenen gesteuert wird, die wir regulieren wollen: die großen Online-Plattformen, die mit der Arbeit anderer Unmengen Geld verdienen“.

(Zitat innerhalb des Artikels: Blümel)

Die große Gefahr bei Uploadfiltern ist, dass die Technologie mittelfristig dazu gebraucht werden wird, dass unliebsame Äußerungen auch auf den Blacklists landen und die freie Meinungsäußerung Geschichte ist. Der ORF hat unlängst versucht, seinen Journalist*innen die freie Meinungsäußerung in sozialen Medien zu verbieten. Mit Uploadfiltern wäre das ein schneller Klick, die Äußerungen einfach technisch abzuschalten; was der Arbeitgeber oder Staat nicht will, geht einfach nie durch und erscheint nirgendwo öffentlich; stattdessen klingelt es dann an der Tür. Die Älteren hier werden sich noch an die DDR und die StaSi erinnern.

Im genannten Artikel heißt es auch, dass die Onlinegiganten das Leistungsschutzrecht, das in Deutschland schon seit Jahren in Kraft ist, zum Platzen gebracht hätten. Tatsächlich wurde es allerdings nie durchgesetzt.

Und darum, sicherzustellen, dass es „in Zukunft überhaupt noch heimische Identität und europäische Inhalte im digitalen Raum gibt“.

(Zitat innerhalb des Artikels: Blümel)

Und dann hat der Autor des Artikels noch ganz nonchalant das Blümel-Zitat “heimische Identität” eingebaut, womit die Diskussion über die Vergütung von Kreativarbeit und Meinungsfreiheit noch die Dimension bekommt, in der mit der Angst der Menschen gespielt wird, die über die letzten Jahre durch Medienberichte über “Flüchtlingskrise”, “Überfremdung”, “Kriminalisierung” und was noch alles möglichst marktschreierisch über den schlichten Bericht von Fakten hinausgeht, ausgereizt wurde. Fakten sind zu trocken und zu langweilig, um noch einen Platz in unserer breiten Öffentlichkeit zu bekommen und wir sind mittlerweile auf einem Level angekommen, wie wir es vor fünf Jahren in den USA noch verurteilt haben. Dort hat die Medienberichterstattung rein über die emotionale Ebene eine längere Tradition – und was dabei herauskommt, sieht man an Trump & Co.

Wir sind hier leider keinen Deut mehr besser. Nota bene: Die USA waren es, die 1945 – nach Hitler, Goebbels, … – in Deutschland eine emotionale Berichterstattung verboten haben und den deutschen Medien die Auflage gaben, dass es nur unemotionale, reine Faktenberichte geben darf. Sie werden gewusst haben, warum. Und tatsächlich hat dies dazu beigetragen, dass wir in Deutschland, in Europa, informierte, mündige Bürger hatten – im Gegensatz zu den USA, wo viele Nachrichtenformate den Charakter ein Nachmittagstalkshow haben.

Natürlich ist die Auflage, Klickzahl, Einschaltquote größer, wenn man mit der Angst der Menschen spielt. Aber die europäischen Medien sollten sich ihrer Aufgabe und Verantwortung in der demokratischen Gesellschaft auch wieder bewusst werden.

Der genannte Artikel im Kurier zu den Onlinegiganten, denen wir “Stärke entgegenbringen” müssen ist mutwillig inhaltlich falsch, spielt mit den Emotionen der Leser*innen, konkret mit dem “Heimatgefühl” und der Angst vor Andersartigen/Fremden und ist daher die unterste Schublade dessen, was Privatmedien so von sich geben. DAS ist eines freien, europäischen Mediums unwürdig.

Das übrigens auch. Von wegen “Fakten”. Lobbymeinungen wäre das passende Wort.

UPDATE: Es gibt einen sehr guten Artikel von Wikimedia Deutschland, der mit den falschen Darstellungen aufräumt.

VWP036 Technisches Schreiben

Mit René Pfeiffer zum Schreiben von technischen Dokumentationen, den Unterschieden zum kreativen Schreiben, den ganz eigenen Herausforderungen an technische Schreiber und was alles schiefgehen kann, wenn man das nicht ordentlich macht.
Musik am Beginn: Adam Selzer, “Vintage News”

***

Shownotes

Links

Sascha Lobos Debatten-Podcast: Upload-Filter und Urheberrecht: Deutschland, das Land des Digital-Trumpismus
Mein Blogpost “Ja, wir brauchen ein neues Urheberrecht. Leistungsschutzrecht und Uploadfilter sind keine Lösung.”
Seite zu Lesungshonoraren und gerechter Vergütung bei den Mörderischen Schwestern
Initiative Urheberrecht
saveyourinternet.eu
juliareda.eu
Julia Reda auf Twitter
Logbuch Netzpolitik 259
Petition der DigitalCourage gegen Uploadfilter (DE)

Talk von pascoda bei der GPN18 zu den größten IT-Fails
Buzzfeedartikel zu Facebooks Datennutzung (auf Empfehlung im Wochendämmerung Podcast)
Facebooks Kamerazugriff

luchs.at
A beginner’s guide to writing documentation¶
The 7 Rules for Writing World Class Technical Documentation
Technical writing Types of User Documentation
Techniken der Projektentwicklung: Dokumentation
FH Dortmund: Technische Dokumentation

Für englische Texte, die nicht von Natives geschrieben werden:
Anwendungen der Leitlinie Regelbasiertes Schreiben – Englisch für deutschsprachige Autoren

Guter Sekundär-/Tertiärquelleneinstieg: 🙂
Wikipedia: Technische Dokumentation

Notizen

Auch technische Dokumentation kann spannend sein!

Technische Prozesse & Software müssen dokumentiert werden. Oft machen das die Techniker*innen “hinterher noch schnell”, mit all dem Wissen, das sie ohnehin haben.
Wenn eine Dokumentation verwendet werden soll, muss sie ja Information transportieren.

Wenn man einfach anfängt, eine Doku zu schreiben, ist schon etwas schief gegangen. Zuerst braucht man einen Plan und einen Ablauf.
Es gibt Ansätze, in denen auch für technische Dokumentationen ein Storyboard verwendet wird.

Auch Beispiele sind sehr hilfreich und machen oft den Großteil der Arbeit und Zeit beim Schreiben aus.

Bilder helfen auch.

In einer technischen Dokumentation sind Tätigkeiten beschrieben. Oft werden Schritte beschrieben und dann kommt im nächsten Schritt eine Information dazu, bei der es gut gewesen wäre, sie gleich von Beginn an zu haben.

Guter Tipp: Wie bei Strickmustern oder Rezepten immer einmal vorher komplett durchlesen!

Das sollte nach Möglichkeit aber nicht der Fall sein. Wenn eine Doku gut geschrieben ist, kann man sie Schritt für Schritt durchmachen, ohne sie zweimal zu lesen.

Auch Beispiele sollten passend ausgesucht sein. Es hilft nichts, wenn ein super komplexes Beispiel abgehandelt wird, aber der Leser den Einstieg nicht schafft.

Es ist immer gut, wenn man weiß, wo man ist. Auf Schreiber*innen-Seite ist also zu bedenken, wo sich der Leser*innen gerade befinden könnte. Analog zur Übersichtskarte mit dem roten Punkt “Sie sind hier”.

Es ist auch immer gut, wenn man die Software oder das Gerät wirklich kennt, über das man gerade schreibt. Selbst wenn man es selbst nicht gebaut hat, kann – und sollte – man sich mit denjenigen unterhalten, die es gebaut haben, um zu erfahren, was es denn tut, wie es funktioniert. Wichtige Fragen dabei sind, was man damit alles machen kann, wie man es in Betrieb nimmt / installiert, etc., was sind die Prozeduren/Prozesse, die das Ding machen soll, …

Das Wichtigste an einer technischen Dokumentation ist das Inhaltsverzeichnis. Danach, gleich am Anfang, sollten nicht gleich die komplexen Beispiele kommen. Am Anfang sollte man davon ausgehen, dass noch nichts da ist und die technische Doku soll die Anwender*innen dahin bringen, was sie eben machen wollen.

Eine Dokumentation ist dann gut, wenn sie den Bereich “FAQ – frequently asked questions” nicht braucht. Denn es sollte keine Fragen geben, wenn die Doku ordentlich geschrieben ist.

Was in Dokus oft fehlt, sind die Dinge, die schiefgehen können – die Take-Out, quasi.

Das Raketen- & Astronautenbeispiel war die Apollo8 – auch genannt im Talk von pascoda bei der GPN18 (ab Minute 17:22).

Wenn man ausgeschlafen ist, Kaffee hatte und alles super läuft, passiert selten was. Aber auch ausgebildete Menschen machen in Stress-Situationen Fehler. Deswegen gibt es in Flugzeugen Checklisten. Natürlich wissen Pilot*innen und Crew, was zu tun ist. Aber wenn Stress ist, kann so eine Checkliste sehr zur Beruhigung beitragen. Ebenso in der Notaufnahme. Checklisten wiederholen zwar viel, aber das schadet nicht.

Solche Listen, eine Troubleshooting-Abteilung und Fehlerbeschreibungen sollten in jeder Doku vorhanden sein.

Ebenso sollten Checklisten für die Anwender*innen vorhanden sein, um auftretende Fehler rekonstruieren zu können. Z.B. Welches Betriebssystem, welcher Browser in welcher Version, etc., um es den Menschen, die einem dann helfen wollen, einfacher zu machen, den Fehler nachzustellen.

Es gab auch mal so etwas Altmodisches wie Reparaturscheine.

Oft gehen Programmierer davon aus, dass die Anwender*innen wissen, welche Informationen benötigt werden. Die Erfahrung zeigt, dem ist nicht so.
Oft sind Menschen betriebsblind und reden in impliziten Aussagen, obwohl sie es besser wissen sollten.

Auch wenn Dinge klar sind, trotzdem lieber hinschreiben!

Man sollte auch Abbildungen und Diagramme als Stilmittel schätzen. Gerade für Abläufe sind.

Bankomaten sind oft schwer zu bedienen, weil sie eine Mischung aus Tastenfeld und Touchscreen haben und oft nicht klar ist, was zu machen ist oder welches Eingabewerkzeug jetzt funktioniert.

Ganz wichtig sind auch Begriffserklärungen. Beim kreativen Schreiben sind Wortwiederholungen ein No-Go. Beim technischen Schreiben ist das dagegen aber durchaus erwünscht! Wenn man nämlich für ein und dieselbe Sache 4 verschiedene Wörter verwendet, kann das zu Verwirrung führen; sowohl bei Lernenden als auch bei etwas erfahreneren Nutzer*innen.

Das liest sich vielleicht schlimm, aber wenn man ein Wort dauernd liest, merkt man es sich dafür auch schneller.

Technische Dokumentationen eignen sich nicht sehr zum Reimen.

Probleme können in unserer heute bereits sehr vernetzten Welt ein größeres Ausmaß annehmen als “ich versuche das nach dem Mittagessen nochmal”. Es ist mittlerweile nicht mehr unüblich, dass ein Problem ganze Infrastrukturen lahmlegt.
Notaufnahme, Feuerwehr, aber auch Menschen, die mit kritischen Infrastrukturen arbeiten, sind geschult, in Krisensituationen die Nerven zu bewahren. Niemand hat Feuerwehrleute schreiend in ein brennendes Haus rennen sehen, auch wenn die Familie noch drin ist, sondern sie sind darauf trainiert, die Nerven zu bewahren und die Familie inklusive Katze lebend aus dem Haus rauszuholen.

Was wir im letzten Jahr mit #wannacry gesehen haben war, wie kritische Infrastruktur durch eine sich selbst weiter verbreitende Welle an Erpressungstrojanern Teile von Krankenhäusern lahmgelegt hat. Für die Menschen in den jeweiligen IT-Abteilungen war das eine extreme Krisensituation. Da steht dann auf der Checkliste ganz oben: “Durchatmen.”

Die Informationsbeschaffung läuft normalerweise in Ruhe ab und im Krisenfall kommt man häufig in Bereiche, wo man konkret nichts tun kann.
So wie wenn man zu einem Unfall kommt. Da hat man die Information zu Beginn erfasst und weiß, dass man außer Erste Hilfe zu leisten, nicht viel tun kann – aber zuerst den Notruf absetzen!

Zurück zur Doku heißt das, dass man auch den Fall abbildet, dass die Anwender*innen nichts tun können und Hilfe brauchen und was in so einem Fall zu tun ist.
Allerdings: Wenn es wirklich gerade eine Krise gibt, will man nicht bei einer Hotline anrufen müssen – abgesehen davon, dass man nicht durchkommen würde.

Das Verhalten von Software und Menschen in Krisensituationen geht allerdings über die Möglichkeiten einer technischen Doku hinaus. Aber man muss die Fälle schon adressieren und nicht so tun, als gäbe es das alles gar nicht.

Auch der Fall eines unerwünschten Datenverlusts sollte abgedeckt sein. Zum Beispiel, wenn in einem System eine Festplatte kaputt ist und eine nicht, dann will man die richtige austauschen und eine Doku sollte dabei helfen und es nicht noch schlimmer machen.

Daten löschen kann jederzeit passieren! Nicht nur Autore*innen.

Backups! Backups! Backups!

Ein Backup hilft auch, wenn man z.B. eine Software auf eine neuere Version updaten möchte. Das Schlimmste, was passieren kann, wenn etwas schiefläuft ist, dass sich nichts ändert. Das entspannt ungemein.

Die technische Autorin hat auch eine Aufgabe als “Therapeut”, schlechte Nachrichten schonend beizubringen. 😉

Technische Dokumentation schreiben ist deswegen so aufwändig, weil man alles noch einmal durchspielen muss.

Es kann sein, dass Informationen in Dokus falsch sind oder nicht (oder schlecht) getestet.
Manchmal sind sie auch nur schlecht formuliert, dass man nicht versteht, was gemeint ist. Von automatischen Übersetzungs-Tools wollen wir jetzt noch gar nicht reden.

Vor allem sind oft ganz viele Informationen nur implizit in Dokus drin. Wenn man schreibt “mach ein Backup, ehe Du anfängst”, kann das durchaus bedeuten, dass dieses Backup zwei Tage braucht – das ist bei Mailservern, etc. durchaus üblich. Das sollte man aber auch erwähnen, dass Vorbereitungen einen bestimmten Zeitrahmen in Anspruch nehmen können, damit die Anwender*innen das gleich einplanen und nicht währenddessen drauf kommen.

Deswegen steckt üblicherweise viel Hirnschmalz und Zeit in einer technsichen Dokumentation. Die Aufbereitung und Strukturierung nimmt viel Zeit in Anspruch. Und ja, man kann auch Storyboards für Fakten machen! 😉 Man kann auch allen Komponenten Charakternamen geben und eine Story bauen. Im Falle von Servern ist das sogar eine ganz gute Idee. Falls es wirklich einen Malwareangriff gibt oder eine Hackerin sich in die Infrastruktur reingehackt hat, ist es schon gut, “Mailserver2” nicht auf dem Silbertablett zu servieren. Server “Gandalf” hat durchaus einen Sicherheitsaspekt.. Vor allem sollten alle Komponenten klar und unmissverständlich benannt sein.

Loki und Sokrates hätten sich möglicherweise gut verstanden.

Ich bin vor einer Weile auf Laptops umgestiegen, da ich gern in Kaffeehäusern schreibe. Da ist es unpraktisch, den Standrechner mitzunehmen. Obgleich das Anfang der 90er für Klausuren im IT Bereich wohl möglich war. Für LAN Parties hat man ja auch ganze Rechner mitgeschleppt.

IT klingt ja immer so trocken und unkreativ. Man muss aber trotzdem kreativ sein, um an alles zu denken, was passieren kann. Denn alles was passieren kann, wird auch passieren. Selbst wenn es einen simplen Entscheidungsbaum gibt, man kann dies, das oder jenes mit dem Ding machen, sollte man darüber nachdenken, was man denn wirklich noch alles damit machen könnte. Es passiert oft, dass Dinge für etwas verwendet werden, wofür sie nicht gedacht waren. Das ist ja der Wortsinn von “Hacken”: Dinge anders verwenden, als sie vom Hersteller gedacht waren. Das plakative Beispiel ist da der Bierdeckel unter dem wackelnden Tischbein.

Weiter mit Kreativität: Kleine Dinge können sehr große Auswirkungen haben. Das Netz kennt keine lokalen Grenzen. Speziell, wenn man vernetzte Software hat, da weiß man ja nicht, mit wem die jetzt redet. Wer kann sie verwenden?

Wenn man irgendwo in einer technischen Doku den Satz findet: “Diese Applikation ist nur in internen Netzwerken zu verwenden”, dann kann man davon ausgehen, dass irgendwas fehlt. Irgendetwas wurde bei der Programmierung nicht betrachtet und viele Annahmen gemacht. Natürlich ist der Satz an sich legitim, aber man sollte daraus einen kleinen Absatz in der Doku machen und erklären, warum das so ist.

Niemand wird sich darüber beschweren, wenn der Mietwagen nicht gepanzert ist. Natürlich ist er das nicht und niemand regt sich darüber auf. Aber man muss auch bei Software oder Hardware so ehrlich sein und dazuschreiben: “Diese Software/Hardware ist nicht für Hochsicherheitsnetze gedacht und nicht für öffentliche Verwendung.” Eine Dokumentation muss ehrlich bleiben. Das ist kein Marketingfolder, sondern technische Dokumentation.

Es gab im letzten Jahr den Fall, wo in einer Firma eine vernetzte Kaffeemaschine eingebaut wurde, die die Techniker aber nicht in das vorgesehene Sub-Netz bekommen haben. Stattdessen haben sie die Maschine dann in das Netzwerk gehängt, wo auch die ganzen Rechner der Angestellten drin hingen. Über die Kaffeemaschine kam dann eine Malware in das Firmennetzwerk und dann war mal die gesamte Firma down, weil die Kaffeemaschine mit den Zugangsdaten “admin/admin” oder so eben ein Einfallstor aufgemacht hat. Da hätte wohl auch besser stehen sollen: “Bloß nicht in firmeninterne Netzwerke hängen!”
Dass man eine Mikrowelle nicht bei Regen im Garten betreiben soll, ist quasi das Gleiche. Da ist allerdings allen klar, dass man das nicht tun soll. Bei der Kaffeemaschine oder Ähnlichem ist das nicht so klar. Da ist es nicht so offensichtlich.
Entweder man beschreibt das jetzt lang und breit und erklärt, warum man das Default Passwort ändern muss, etc.
Der bessere Ansatz ist, dass ein Ding von Haus aus ausdrücklich nicht zu gebrauchen, bis es ordentlich in Betrieb genommen wird. Ähnlich wie bei einer Waschmaschine, die man auch nicht kaufen, anstecken udn waschen kann – hier gibt es einfach Schritte, die man tun muss, um das Gerät in Betrieb zu nehmen. Sie ist im frisch gekauften Zustand einfach nicht zu verwenden. Das heißt nicht, dass es ein schlechtes Produkt ist, sondern das liegt an der Prozedur, wie das Ding in Bertrieb genommen wird und bis man das gemacht hat, ist es nicht zu verwenden. So eine Prozedur sollte es bei allen Geräten geben. Das DIng ist einfach deaktiviert, bis sich jemand die Mühe gemacht hat, es ordentlich in Betrieb zu nehmen.
Bei einer Kaffeemaschine ist das sogar noch nachvollziehbar, dass es eine Inbetriebnahmeprozedur gibt, bei einer Datenbank kann das schon unverständlicher werden. Oder auch bei diesen vernetzten Kameras, die jeder hat. Diese sollten deaktiviert sein, bis jemand sie ordentlich eingerichtet hat. Bis dahin sollten die gar nichts aufnehmen und schon gar nichts übertragen.

Das ist momentan leider ein großes Missverständnis auf Konsumentenebene. Das ganze netzwerkfähige Zeug (#IoT), das Weihnachten aus der Verpackung genommen und einfach mal ins Netz gehängt wird, ohne Standardpasswörter wie admin/admin oder 0000 zu wechseln mit dem Gedanken: Das machen wir dann mal später, jetzt geht das ja mal eben so. Und jetzt kommt das große Missverständnis: Der Gedanke: “Das wird ja niemanden interessieren, ich bin ja zu uninteressant für ‘die’. Aber: Da sitzt niemand, der darauf wartet, dass Hansi Müller genau diese Kamera ins Netzwerk hängt, um sich dieses eine Ding zu schnapüpen und sich die Videos aus seinem Vorgarten anzugucken. Stattdessen wird das Gerät automatisch von zum Beispiel einem Botnetzwerk gefunden und ebenfalls zu einem “Bot” gemacht. Es wird zu einem Sprungbrett für andere.

Renés Wunsch: Wenn man etwas auspackt, muss oben auf die technsiche Doku liegen und erst wenn man die gelesen und verstanden hat, bekommt man das Ding selber! ;D
Quick Start Manuals sind ja ein guter Anfang in die richtige Richtung. Bisher fehlt aber oft noch die Info: “Ändern Sie um Himmels Willen sofort zu allererst das Passwort!” Und da sind wir wieder bei den Botnetzwerken von eben. Wenn man Username und Passwort nicht ändert/anlegt, dann werden die Geräte Teil eines Botnetzwerks, das nach genau solchen Geräten mit derselben Sicherheitslücke sucht, die befällt und zum Teil des Botnetzwerks macht. Und das Trügerische ist, als Anwender*in sieht man davon nichts. Man sieht nicht, dass dieses Gerät einen Angriff auf Kanada fährt, während es einem einen Kaffee kocht. Als Admin sieht man das, wenn man weiß, wonach man schauen muss. Wenn man also nicht sorgfältig mit vernetzten Dingen umgeht und die einfach mit Standardpasswort in sein Netzwerk hängt, ist die Gefahr groß, dass man sich Malware ins eigene Haus holt.

Das ist eine besondere Kategorie für Autor*innen von technischen Dokumentationen, die man beschreiben kann. Wenn man noch nicht vernetzte Geräte nimmt wie beispielsweise eine Gastherme, da gibt es auch Dinge, die man nicht sieht, die aber gefährlich sind; Kohlenmonoxyd etwa. Manche Geräte haben dafür einen Sensor, manche nicht, aber das steht als Gefahrenquelle sicher in der Dokumentation zu dem Gerät drin.

Auch Dinge, die man nicht sieht – ob das Kohlenmonoxyd ist oder Netzwerktraffic – die muss man einfach beschreiben. Wenn es Risiken gibt, müssen die beschrieben werden.

Einige Hersteller haben es schon verstanden. Es gibt mittlerweile Dinge, die man nicht mehr in Betrieb nehmen kann, ohne das Passwort zu ändern. So soll das auch sein.
Aber wie ist das bei Glühbirnen/LEDs, die keine Tastatur haben oder Bedieneroberflächen? Es gab ja schon den Fall, wo Leuchtmittel von einem Hersteller irgendwo außerhalb der EU am 25. Mai 2018 nicht mehr funktioniert haben. Zu bedienen waren die über eine Weboberfläche oder eine App auf dem Mobiltelefon, und da gab es dann die Meldung (sinngemäß): “Sorry, aber wegen DSGVO können wir das Angebot für Kunden in der EU nicht mehr zur Verfügung stellen.” Das ist jetzt auf zweierlei Arten interessant. 1. Es können Geräte aus der Ferne deaktiviert werden. Und 2. Was für Daten sameln die Dinger denn bitte, dass sie aus Datenschutzgründen nicht mehr verwendet werden können?!?
Das sollte ja eigentlich auch dokumentiert sein! Wenn so eine Meldung kommt, gibt der Hersteller zu, dass er Dinge macht, die er nicht preisgibt und/oder zu denen man nicht zugestimmt hat.
Von daher will man solche Geräte gar nicht haben!

Für die Doku heißt das wieder: Man muss ehrlich sein. Da stößt man an die Grenzen der Vermarktung. Es gibt die Fälle, wo den Autor*innen von Dokus gesagt wird “das lassen wir jetz weg”. Das gibt es leider wirklich.
Das beste Beispiel ist Windows. Es gibt bis jetzt keine Information seitens Microsoft darüber, welche Telemetriedaten von den Rechnern aller Menschen mit Windows10 Betriebssystem tatsächlich an Microsoft gesendet werden. Das ist nicht dokumentiert.

Telemetrie ist ein Begriff, den man aus der Formel1 kennt. Telemetriedaten sind Betriebsdaten von Fahrzeugen oder Geräten zu Laufzeiten abführt. In der Formel1 wissen die Mechaniker am Rand, wie es dem Auto geht. Und Microsoft weiß, wie es dem Windows geht. Windows10 meldet periodisch $Dinge und am anderen Ende der Leitung weiß jemand was. Und das ist auch leider der Dokumentationsstand, den wir für den Betrieb haben. Was sie genau übertragen ist in der Dokumentation nicht aufgeschlüsselt.
Das heißt, die Anwender*innen zu Hause haben keine Einsicht darüber, welche Daten von ihrem eigenen Rechner an Microsoft übermittelt werden und auch keine Möglichkeit, das irgendwie rauszufinden. Man kann nur zwischen “hoch” und “minimal” einstellen. Man kann es nicht abschalten. Und dazu hat man keinerlei Einsicht, was diese Einstellung bedeutet. “Telemetriedaten” sind nirgendwo näher spezifiziert.

Wenn etwas nicht dokumentiert ist, hat das üblicherweise bestimmte Gründe.
Wenn man selbst eine Dokumentation schreibt, muss man so ehrlich sein: Das ist das, was wir machen, das ist das, was das Ding macht. Hier gibt es Wechselwirkungen mit diesem oder jenem im Netz und so ist es aufgenaut. Das gehört einfach rein.
Es gehört auch den Menschen gesagt, was ihre Geräte über sie preisgeben.
Facebook beispielsweise hat Zugriff auf das Dateisystem und weiß, welche Dateien man auf dem Gerät hat, wie die heißen. So etwas sollte man einfach nicht benutzen.

Die TU Wien führt gerade Ethik im ersten Studienabschnitt verpflichtend ein – das ist super! Ethik für technische Autoren wäre auch etwas. Bei einer Kettensäge beschreibt man ja auch die Gefahren. Man schreibt ja nicht: “Pass halt auf, wird schon nix sein.” Auf der Datenebene macht man das aber. Es ist unverständlich, warum das nicht gleichwertig ist.

Dass die TU Wien jetzt Ethik verpflichtend einführt ist ein Schritt in die richtige Richtung, um Menschen dazu zu bringen, darüber nachzudenken, was mit ihrer Software alles gemacht werden kann. Wir reden hier nicht nur von Schreibprogrammen oder lustigen Spielen mit Pinguinen, sondern von Systemen, die in Krankenhäusern im Einsatz sind oder an Flughäfen in der Flugsteuerung. Das sind alles Sachen, die von Menschen programmiert und dokumentiert werden. Deswegen ist es so wichtig, dass die Sachen ordentlich geschrieben/programmiert werden.
Ein weiteres Argument für die Sorgfältigkeit!
Manchmal werden Dinge vergessen und stehen deswegen nicht in einer Doku drin. Bei einer Kaffeemaschine ist das noch überschaubar.
Es gibt aber auch Systeme, die haben auch eine Dokumentation, die in viel kritischeren Bereichen eingesetzt wird, in Labors zum Beispiel, wo es dann wirklich drauf ankommt.
Im medizinischen Bereich gilt die Regel: “Was nicht dokumentiert ist hat nie stattgefunden und existiert nicht.” Und wenn man mit dem Ansatz schreibt, ist man schon ein Level höher. Was nicht in der Doku steht, wurde nie gemacht, wird nie eingeführt. Wenn nämlich eine Überprüfung ins Haus steht, wird die Doku herangezogen und der Prüfer fragt niemanden. Es muss alles in der Doku stehen. Und da wird einem auch klar, warum man sorgfältig sein muss.

“Doku or it didn’t happen!”

Schaden tut es nicht, diesen Anspruch an Vollständigkeit und Sorgfalt zu übernehmen. Wenn man das nämlich nicht tut, kann das in der Anwendung gegebenenfalls scheußlich schiefgehen. Wenn ein Flugüberwachungssystem schlecht dokumentiert ist, das will keiner haben!

Es gibt noch immer Systeme, man wundert sich, wo … Die laufen einfach länger, als sie gedacht waren. Das kann etwas Kleines sein wie ein privates Content Management System, das 2000 geschrieben wurde und noch immer funktioniert. Das kann aber auch ein kommerzielles System sein, das vor zig Jahren mal gebaut und zusammengeschraubt wrude und plötzlich ist das nach 20 Jahren immernoch in Betrieb.

Wenn man eine technische Dokumentation schreibt, muss man davon ausgehen, dass das Ding auf unbestimmte Zeit läuft.
Ein Beispiel sind MRT Geräte in Krankenhäusern, die noch immer auf Windows XP laufen, weil die nur einmal dafür zertifiziert wurden und eine Neuzertifizierung so teuer wäre wie ein ganzes neues Gerät. Das heißt, in jedem Krankenhaus stehen mehrere Geräte, die auf einem System laufen, das von Herstellerseite nicht mal mehr unterstützt wird. Anderes Beispiel: Das neue Kriegsschiff der UK Marine, das vorletztes Jahr ausgeliefert wurde, läuft auf Windows XP, weil das damals, als es bestellt wurde, gerade das aktuelle System war.

Ein Kriegsschiff – ein voll mit Waffen ausgestattetes Stück Stahl gondelt da irgendwo auf dem Meer rum und ist aufgrund seines Betriebssystems komplett unsicher. Wenn man das jemals an ein Netzwerk hängt, kann es am Ende noch sein, dass auch die Kanonen noch Teil eines Botnetzes werden.

Ein Quell ewiger Freude für Krimiautor*innen!

Und dann gibt es Firmen, die sich darauf spezialisiert haben, dass sie uralte Hardware, teilweise aus den Siebzigern, reparieren und durchgebrannte Teile ersetzen für fünfstellige Beträge, damit das System, das da seit den Siebzigern läuft, weiter betrieben werden kann. Oft sind die, die das System für genau diesen Zweck gebaut hat, leider schon vor X Jahren verstorben ist und niemand mehr in der Lage ist, dieses Ding zu warten. Oft gibt es auch den Source Code nicht mehr – also das, wie es mal geschrieben wurde – sondern nur noch die kompilierte Version.

Zur Erklärung: Es läuft auf den Geräten nicht der Quellcode, sondern immer eine kompilierte, eine zusammengestellte Version, die eine lauffähige Umgebung schafft. Der Quellcode ist bei vielen Dingen, insbesondere kommerziellen Produkten nicht einsehbar. Es gibt auf der anderen Seite Open Source Foftware, also offener Quellcode, den man reingucken kann, was das tatsächlich tut.

Tipp für SciFi Autor*innen: Es gibt auch heute noch diese riesigen Mainframe Computer, die ganze Hallen füllen. Die haben eine lange Laufzeit, weil sie einfach teuer sind, die tauscht man frühestens alle zehn Jahre. Man muss da in Dekaden rechnen! In den Sechzigern hat man damit angefangen und dann pro Dekade eine neue Generation. Wenn man den Computer nun austauscht, dann bringt die neue Generation eine Umgebung mit, in der man die alten Programme einfach 1:1 weiterlaufen lassen kann, ohne sie zu modifizieren. In der Firma selber scheiden aber immer mal Mitarbeiter aus und da wurde mal ein Programm geschrieben, das läuft gut und dann ist irgendwann mal die Doku verschwunden oder auch einfach nie geschrieben worden, … Also selbst moderne Mainframes haben oft Code laufen, der älter ist als sie selbst, der nicht mehr gewartet wird, nicht dokumentiert ist, aber läuft, weil man weiß ja nie [was passiert, wenn man das abstellt].

Deswegen sollte man sich beim Schreiben Mühe geben, dass man das auch in 30 Jahren noch lesen möchte und kann.

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VWP035 Urheberrechtsreform Yay or Nej?

Am 20. Juni wurde im Rechtsausschuss des Europäischen Parlaments eine Urheberrechtsreform beschlossen, die ich – wie viele andere – für gefährlich halte, da sie meiner Meinung nach zu große Gefahren für das freie Internet, insbesondere für unser Grundrecht freier Meinungsäußerung, birgt. Bitte macht Euch selbst ein Bild, informiert Euch und nehmt noch Einfluss bis zum 5. Juli 2018.

Musik am Beginn: Adam Selzer, “Vintage News”

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Shownotes:
Links:

Blogpost Ja, wir brauchen ein neues Urheberrecht. Leistungsschutzrecht und Uploadfilter sind keine Lösung.

Seite zu Lesungshonoraren und gerechter Vergütung bei den Mörderischen Schwestern
Initiative Urheberrecht

saveyourinternet.eu
juliareda.eu
Julia Reda auf Twitter
Logbuch Netzpolitik 259
Petition der DigitalCourage gegen Uploadfilter (DE)

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