Urheberrecht. Again.

Heute war ich bei der Digital Society in Wien zu einer Diskussionsrunde zum Thema “Freie Presse, Kunst & Urheberrecht”. Auf dem Panel waren Vertreter*innen von ISPA (Verein der Internet Provider in Österreich), Wikimedia, IG Autoren, Verein für Anti-Piraterie der Film- & Videobranche und Freischreiber. Es hat immerhin etwas über eine Stunde gedauert, bis der Moment gekommen war, an dem ich schreien wollte, aber dazu gleich noch.

Die Diskussionsrunde war sehr ausgewogen besetzt und die Standpunkte haben alle grundsätzlich ihre Berechtigung. Allerdings wurde auch bei dieser sehr kleinen Runde schnell deutlich, dass die gesamte Diskussion am eigentlichen Problem vorbei geht. So waren IG Autoren und der Verein für Anti-Piraterie der Film- & Videobranche einhellig der (laut vertretenen) Meinung: „ES GEHT NUR UM URHEBERRECHTSDURCHSETZUNG, ES GEHT NICHT UM UPLOADFILTER!“ Nun ja. Doch.

Sorry, but no sorry: An der Stelle klinkte ich mich dann das erste Mal in die Diskussion ein. Doch, genau darum geht es. Wie Claudia Garád von Wikimedia auch sehr richtig erklärte, leben wir in einer Zeit, in der die Demokratien rund um die Welt und nicht zuletzt in Europa deutlich bessere Zeiten gesehen haben. Das Recht auf freie Meinungsäußerung bewegt sich auf sein Ende zu parallel zum allgemeinen Rechtsruck, den die Demokratien überall gerade hinlegen. Da ist es nicht die sinnvollste Lösung, eine Technologie zu entwickeln und weltweit auszurollen, die in Nullkommanix dazu eingesetzt werden kann, jegliche (kritische) Äußerung im Netz einfach vor der Veröffentlichung einzukassieren und schlicht nicht auftauchen zu lassen. Den Filtern ist nämlich völlig schnurz, wer ihnen was füttert. Was sie einmal gelernt haben, dass es rausgefischt werden soll, wird gnadenlos rausgefischt. Sei es Satire, genehmigtes Zitat, Meme oder regierungskritischer Kommentar in einem Forum.

Es wird für das eigentliche Problem keine technische Lösung geben können. Das Problem ist nämlich kein technisches, sondern ein strukturelles im gesamten (Medien)System. Das eigentliche Problem ist die nicht vorhandene gerechte Vergütung von Künstler*innen und Autor*innen – und das wird in der ganzen Diskussion wenn überhaupt mal am Rand erwähnt. Da geht es, wie in den o.g. Äußerungen der beiden Vereine, immer um Rechtsdurchsetzung, um Urheberrechte, um Verlage und Plattenfirmen.

Weiters ist zu beobachten, dass der ganzen Diskussion ein – meines Erachtens – falsches oder zumindest sehr eingeschränktes Verständnis der Geschäftsmodelle von Google, Facebook und Co. zugrunde liegt. Die Plattformen verdienen kein Geld mit den eigentlichen Inhalten. Die Annahme “ich publiziere ein digital zugängliches Werk und Google und Facebook verdienen dann Geld damit” ist so nicht richtig. Die verdienen am eigentlichen Inhalt keinen Cent, sondern entweder mit Werbung, die sie drumrum (oder auch mittendrin) platzieren, oder mit der Auswertung und dem Verkauf von Metadaten, die mit der Konsumation des Werkes einhergehen (und die auch der Werbeschaltung zugrundeliegen) – also wer liest welchen Text wo, wie lange, mit welchem Gerät, welche anderen Seiten sind im nächsten Browserfenster offen, welche anderen Seiten hat die- oder derjenige vorher wie oft besucht, befindet sich die Person in einem fahrenden Zug, mit wem kommuniziert die Person, etc. pp. Dieses Verständnis für die Geschäftsmodelle sollte dringend in der Diskussion einen festen Platz bekommen, denn diese Geschäftsmodelle sind grundlegend dafür, wie das Internet mittlerweile funktioniert und bildet ganz eigene Abhängigkeiten, die viel weiter gehen als “die zeigen mein Werk und ich krieg kein Geld dafür”.

Tatsächlich geht es bei der ganzen Debatte allerdings genau darum, dass Musiker*innen, Künstler*innen, Autor*innen Kinder haben, die zur Schule gehen und vielleicht auf Klassenfahrt mitfahren wollen. Darum, dass diese Kinder etwas zum Anziehen brauchen, warme Schuhe für den Winter, etwas zu essen jeden Tag und vielleicht sogar ein Weihnachtsgeschenk. Es geht um konkrete Menschen, bei denen am allerletzten Ende der Kette gerade mal 4-8% von dem ankommen, was Leser*innen, Hörer*innen, Zuschauer*innen bezahlen. Die ganze Kette hat doch etwas, wenn von den € 12,90 Ladenpreis die Autorin nur 80 Cent erhält. Das Problem ist konkret, real und jetzt.

Wenn ich mal tot bin, interessiert es mich nicht mehr, bis wann mein Urheberrecht geht, es ist mir völlig egal, dass das Urheberrecht bis 70 Jahre nach meinem Ableben gilt. Im Gegenteil, ich finde es im täglichen Leben nur hinderlich; ich würde zum Beispiel gern öffentlich aus der deutschen Übersetzung von 1984 vorlesen wollen, doch das Werk ist hier noch immer urheberrechtsgeschützt, denn es gilt in dem Fall nicht einmal das Ableben des Autors, sondern des Übersetzers. Für die PrivacyWeek 2016 habe ich wochenlang versucht, die Rechte für eine öffentliche Lesung beim Verlag zu bekommen und nie eine Antwort erhalten. Außerdem: wenn Menschen mit anderen Handwerksberufen sterben, bekommen die Erben ja auch nicht jedes Jahr etwas ausgezahlt, nur weil das Haus, das der Großvater als Architekt designt hat, noch immer dekorativ im Stadtzentrum steht. Statt Urheberrecht bis 70 Jahre nach meinem Ableben hätte ich lieber jetzt mehr von dem, was meine Leser*innen für meine Bücher ausgeben. Und ich hätte nicht nur gern das von Herrn Ruiss (IG Autoren) lautstark zitierte Persönlichkeitsrecht, dass ich bestimmen kann, dass meine Texte nicht bei einer FPÖ oder AfD Veranstaltung vorgetragen werden dürfen, sondern ich hätte auch gerne das Recht zu sagen, dass ich nicht will, dass meine Leser*innen beim Lesen meiner Texte getrackt und die daraus entstehenden Daten verkauft werden. Das wäre mal etwas, das ins digitale Zeitalter passen würde.

Die Verlagsbranche steckt noch in den 1960ern, da werden #Uploadfilter überhaupt nichts ändern. Wie Peter Purgathofer in meinem Datenschutz Podcast so schön illustrierte: Die ersten Computer-Schreibprogramme sahen aus wie Schreibmaschinen: der Curser war immer am Ende des geschriebenen Textes und man konnte nur von hinten nach vorne weglöschen. Sie imitierten das Verhalten, das Schreibende von den bis dahin bekannten Schreibmaschinen kannten. Aber bald kam man drauf, dass das digitale Medium ganz andere Möglichkeiten eröffnete: mit dem Curser irgendwo in den Text gehen, ergänzen, ersetzen, … und heute haben wir mit Scrivener und Co. ganze Schreibumgebungen, die mit einer Schreibmaschine nahezu nichts mehr gemein, aber alle Möglichkeiten haben, die man sich als Schreibende/r nur wünschen kann.

Genau das muss bedacht werden, wenn es jetzt daran geht, das Urheberrecht zu reformieren. So wie die Buchbranche momentan läuft, halten die Verlage krampfhaft an den alten Modellen fest und versuchen, die analoge Maschinerie in die digitale Umgebung zu zwängen. Aber stattdessen brauchen wir etwas, das die Möglichkeiten, die völlig anderen Zusammenhänge und Mechanismen im Netz von vornherein mit bedenkt.

Natürlich ist es einfach, die ganze Debatte als Google- und Facebook-Bashing aufzuziehen. Aber das sind nur zwei Mitspieler auf einem verdammt großen Spielfeld mit 4 Dimensionen. Große Mitspieler, aber eben nur zwei davon. Es gibt aktuell über 6.000 Firmen, die Geld mit dem Handel von Metadaten und dem Abgleich von Cookie-Daten verdienen. Insgesamt sind Google und Facebook da noch unser kleinstes Problem. Aber alle wollen Google und Facebook schwächen und dafür die angestaubte Verlagsbranche ins digitale Medium übertragen.

Außerdem haben sie sich gerade zwei Umsetzungen ausgesucht, die mehr Probleme bringen, als sie lösen. Das Leistungsschutzrecht ist in Spanien und Deutschland bereits gescheitert, weil die, die es treffen sollte (Google), ratzfatz aus der Regelung ausgenommen wurden, nachdem Google sagte: So eine Regelung könnt Ihr schon machen, dann fallen Eure Inhalte eben bei uns raus. Und die Medienhäuser sagten: Ok, dann gilt das eben für alle außer Google! Stattdessen zahlen die Medienhäuser jetzt mehrere Millionen Euro, um € 30.000,- einzunehmen. Was genau soll die “big player” nochmal dazu bringen, dass sie das jetzt nicht wieder genauso spielen, nur weil dann “EU” dranseht?

Das noch größere Problem wären die viel zitierten Uploadfilter. Mit denen reißen wir gleich ganz andere Problemfelder auf. Die oben genannten, drohenden Zensurmaschinen sind keine Fiktion. Es ist nicht sehr lange her, dass in der NS-Zeit oder danach in der DDR freie Meinungsäußerung mit einem längeren Aufenthalt in einem Arbeitslager oder einem Stasi-Gefängnis endete. Und auch heute ist das keine abwegige Idee, im Gegenteil. Am Ende können wir nichtmal darüber schreiben, weil eine kritische Meinung irgendwem nicht passt & die Veröffentlichung durch eben diese Filter verhindert wird.

Ja, ich bin als Autorin von den Änderungen am Urheberrecht selbst betroffen. Ja, ich würde sehr gerne vom Schreiben leben können und natürlich sollen alle Kolleg*innen ihre Familen mit ihrem Handwerk ernähren und die Kinder zur Schule schicken können. Und genau darum geht es. Nicht, wie man die sperrige Verlagsbranche irgendwie in dieses Internet gequetscht kriegt, sondern wie man ein neues, ins digitale Zeitalter passendes Vergütungsmodell aufstellen kann, mit dem Künstler*innen und Autor*innen nicht mehr nur das Letzte in der Kette sind.

Mir ist der Preis zu hoch, den Leistungsschutzrecht (#linktax) und vor allem Uploadfilter mit sich bringen. Das ist nicht die Lösung für das Problem, sondern nur eine Auswucherung des Versuchs, die Medienindustrie ins Netz zu hieven. Davon hat niemand etwas außer den großen Plattformen, die jetzt bereits Uploadfilter im Einsatz und die Ressourcen haben, weitere zu bauen. Das Kapital müssten sie auch nur kurz auslegen, denn kleinere Plattformen werden weder das Geld noch die Ressourcen haben, um eigene Filter zu bauen. Stattdessen werden sie bei Google und Facebook Lizenzen für deren bereits im Einsatz befindliche Filter einkaufen. Und wie funktionieren Filter? Man lädt einfach alle Inhalte als Muster für den Abgleich in die Datenbanken der Filterhersteller hoch. Damit verfügen die “big player” dann ganz organisch binnen kürzester Zeit über alle Inhalte im Internet und sind jederzeit in der Lage, alles davon aus dem zugänglichen Netz verschwinden zu lassen.

Was mich immer wieder wundert ist der tiefsitzende Glaube, dass Technik die Probleme der Welt lösen wird. Ich habe ausreichend Technik scheitern sehen um überzeugt zu sagen, dass jede Technik Fehler hat. Uploadfilter mögen am Ende vielleicht zu 95 % akkurat laufen. Selbst wenn wir 99,8 % annehmen, kommt es hier auf das Verhältnis an. 99,8 % von angenommen 20 Milliarden Uploads weltweit pro Tag, da bleiben bei 0,2 % Fehlerquote 40.000.000, also 40 Millionen Fehler. Pro Tag. 40 Millionen Künstler*innen, die vielleicht ihre eigenen Texte/Musikstücke/Bilder nicht veröffentlichen können. 40 Millionen Familien, die vielleicht davon abhängen, dass dieses Stück an die Fans und Follower gelangt, damit auch im nächsten Monat die Miete bezahlt werden kann. Natürlich klingt 99,8 % nach viel und guter Trefferquote – solange man nicht zu den 0,2 %, also den 40 Millionen aus dem Beispiel zählt.

Ich weiß, ich wiederhole mich. Aber es wird für das konkrete Problem, das in der Diskussion um die Urheberrechtsreform gerade mal am Rande erwähnt wird, keine technische Lösung geben können. Man kann keine sozialen Probleme mit Technik erschlagen.

Ein Vorschlag, der aktuell im Raum steht, ist z.B. eine Pauschalabgabe analog zur Festplattenabgabe, die dann an die Schaffenden verteilt werden könnte, so Julia Reda in der letzten Vienna Writer’s Podcast Episode. Andere Modelle sind eine (Teil)Finanzierung der Schaffenden via Crowdsourcing, zum Beispiel über Patreon oder Steady. Selfpublishing wird immer größer und liberalisiert den Markt, Autor*innen haben die Möglichkeit, (fast) direkt von ihren Leser*innen bezahlt zu werden (je nachdem, ob man Distributoren dazwischen haben will oder nicht). Es gibt viele Ansätze und es wird sich auch im Digitalen ein gangbarer Weg entwickeln lassen. Ein Modell, das in dieses Internet passt. Die TAZ lebt es ebenfalls bereits seit Jahren vor und bestreitet mittlerweile einen guten Teil ihrer Finnzierung durch die Paywahl (statt Paywall). Crowdsourcing ist ein Weg, den ich mir beispielsweise sehr gut vorstellen kann.

Manchmal muss man nicht immer mehr verbieten, sondern ein bisschen loslassen und eine natürliche Entwicklung zulassen können. Ja, wir brauchen Regelungen. Aber wir brauchen auch etwas Spielraum, um diejenigen einzubinden, die es ebenfalls trifft, die in der Debatte bisher aber nur als Störelement vorkommen: die Leser*innen, die Hörer*innen, die Zuschauer*innen. Nicht umsonst haben sich Plattformen wie Patreon und Steady entwickelt, denn die überwiegende Mehrheit der Menschen möchte den Schaffenden – ebenso wie Onlinemedien – eine Vergütung zukommen lassen. Autoren wie z.B. Cory Doctorow verkaufen ihre Bücher auf ihrer eigenen Website, weil sie damit 30 % mehr verdienen, als über Amazon. Es gibt Alternativen und gangbare Modelle überall im Netz, man muss sie nur sehen wollen und daraus lernen, wie es in Zukunft gehen kann. Und ganz bestimmt gibt es noch Möglichkeiten, die erst noch erdacht werden.

Ich bin optimistisch, dass es funktionieren kann, von der Kunst zu leben. Der Trend geht ja dort hin, wenn auch langsam. Mit einem freien und kreativen Internet können wir das schaffen. Nur Leistungsschutzrecht und Uploadfilter müssen wir vorher noch verhindern und uns an der Diskussion beteiligen, aus der Schaffende und Konsument*innen bisher offenbar herausgehalten werden.

Seid laut, redet mit.

#Urheberrecht #SaveYourInternet #article11 #article13

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Vom Urheberrecht zu mutwilligen Falschaussagen

Es ist schon erstaunlich, wie sich dann doch eine größere Menge Menschen plötzlich für etwas so Trockenes wie das Urheberrecht erwärmen kann. Erhitzen eher, denn die Wortschlachten sind schon interessant anzusehen.

Zunächst einmal: Es ist gut, dass das Thema größer wird und den Weg in die breite Masse findet. Wir brauchen wirklich eine sinnvolle Auseinandersetzung, wie wir als Gesellschaft mit der Vergütung von Kreativarbeit umgehen wollen. Wie ich im letzten Blogpost schrieb, sind Leistungsschutzrecht und Uploadfilter allerdings keine Lösung des konkreten Problems, sondern werden nur die Onlineriesen stärken und bei den Künstler*innen selbst wird nichts ankommen, außer Maulsperren.

Es ist nicht verwunderlich, dass Google, Facebook und Co. FÜR Uploadfilter sind – immerhin haben sie bereits welche im Einsatz und können die dann an ALLE Plattformen vermieten (aka: lizensieren) und Geld damit verdienen. Außerdem liegt es im Interesse der großen Plattformen, SÄMTLICHE Inhalte des Internets bei sich zusammenzuführen, um diese dann auszuwerten und die “Erkenntnisse” an Werbefirmen weiterzuverkaufen.

Heute erschien ein Artikel im Kurier, der – einen Tag vor der Abstimmung im Europaparlament – den österreichischen Medienministers Blümel zitiert und damit noch eben 5 vor 12 einige Falschaussagen konstatiert.

Unter anderem soll Google und Facebook die kostenfreie Nutzung von Artikel-Vorschauen untersagt werden. Und Upload-Filter sollen verhindern, dass geschützte Filme oder Musik überhaupt erst auf YouTube gestellt werden. Dagegen laufen die Online-Giganten und auch andere Interessensvertreter jedoch Sturm.

Hier steht zum Beispiel, dass die Internetriesen wie Google und Co GEGEN die Uploadfilter “Sturm laufen” würden. Wie gesagt, sie sind tatsächlich aber DAFÜR. #quibono

Die „Zensur“-Kritik an den Upload-Filtern, mit denen geschütztes Material schon beim Hochladen entfernt werden soll, sei eine „bewusste Falschinformation, die gezielt von jenen gesteuert wird, die wir regulieren wollen: die großen Online-Plattformen, die mit der Arbeit anderer Unmengen Geld verdienen“.

(Zitat innerhalb des Artikels: Blümel)

Die große Gefahr bei Uploadfiltern ist, dass die Technologie mittelfristig dazu gebraucht werden wird, dass unliebsame Äußerungen auch auf den Blacklists landen und die freie Meinungsäußerung Geschichte ist. Der ORF hat unlängst versucht, seinen Journalist*innen die freie Meinungsäußerung in sozialen Medien zu verbieten. Mit Uploadfiltern wäre das ein schneller Klick, die Äußerungen einfach technisch abzuschalten; was der Arbeitgeber oder Staat nicht will, geht einfach nie durch und erscheint nirgendwo öffentlich; stattdessen klingelt es dann an der Tür. Die Älteren hier werden sich noch an die DDR und die StaSi erinnern.

Im genannten Artikel heißt es auch, dass die Onlinegiganten das Leistungsschutzrecht, das in Deutschland schon seit Jahren in Kraft ist, zum Platzen gebracht hätten. Tatsächlich wurde es allerdings nie durchgesetzt.

Und darum, sicherzustellen, dass es „in Zukunft überhaupt noch heimische Identität und europäische Inhalte im digitalen Raum gibt“.

(Zitat innerhalb des Artikels: Blümel)

Und dann hat der Autor des Artikels noch ganz nonchalant das Blümel-Zitat “heimische Identität” eingebaut, womit die Diskussion über die Vergütung von Kreativarbeit und Meinungsfreiheit noch die Dimension bekommt, in der mit der Angst der Menschen gespielt wird, die über die letzten Jahre durch Medienberichte über “Flüchtlingskrise”, “Überfremdung”, “Kriminalisierung” und was noch alles möglichst marktschreierisch über den schlichten Bericht von Fakten hinausgeht, ausgereizt wurde. Fakten sind zu trocken und zu langweilig, um noch einen Platz in unserer breiten Öffentlichkeit zu bekommen und wir sind mittlerweile auf einem Level angekommen, wie wir es vor fünf Jahren in den USA noch verurteilt haben. Dort hat die Medienberichterstattung rein über die emotionale Ebene eine längere Tradition – und was dabei herauskommt, sieht man an Trump & Co.

Wir sind hier leider keinen Deut mehr besser. Nota bene: Die USA waren es, die 1945 – nach Hitler, Goebbels, … – in Deutschland eine emotionale Berichterstattung verboten haben und den deutschen Medien die Auflage gaben, dass es nur unemotionale, reine Faktenberichte geben darf. Sie werden gewusst haben, warum. Und tatsächlich hat dies dazu beigetragen, dass wir in Deutschland, in Europa, informierte, mündige Bürger hatten – im Gegensatz zu den USA, wo viele Nachrichtenformate den Charakter ein Nachmittagstalkshow haben.

Natürlich ist die Auflage, Klickzahl, Einschaltquote größer, wenn man mit der Angst der Menschen spielt. Aber die europäischen Medien sollten sich ihrer Aufgabe und Verantwortung in der demokratischen Gesellschaft auch wieder bewusst werden.

Der genannte Artikel im Kurier zu den Onlinegiganten, denen wir “Stärke entgegenbringen” müssen ist mutwillig inhaltlich falsch, spielt mit den Emotionen der Leser*innen, konkret mit dem “Heimatgefühl” und der Angst vor Andersartigen/Fremden und ist daher die unterste Schublade dessen, was Privatmedien so von sich geben. DAS ist eines freien, europäischen Mediums unwürdig.

Das übrigens auch. Von wegen “Fakten”. Lobbymeinungen wäre das passende Wort.

UPDATE: Es gibt einen sehr guten Artikel von Wikimedia Deutschland, der mit den falschen Darstellungen aufräumt.

Ja, wir brauchen ein neues Urheberrecht. Leistungsschutzrecht und Uploadfilter sind keine Lösung.

Autor*innen möchten vom Schreiben ihrer Texte leben können – das ist nicht verwerflich, das ist völlig normal. Jemand, der ein Herz für Buchhaltung hat und das gerne tut (ja, solche Menschen gibt es tatsächlich!), können genauso erwarten, dass sie dafür bezahlt werden und von dem Geld ihre Miete, Essen, Tierarzt, Schulkosten für die Kinder, Versicherungen, etc. bezahlen können. Es steht außer Frage, dass Leistung entlohnt werden soll!

Am 20. Juni wurde im Rechtsausschuss des Europäischen Parlaments eine Urheberrechtsreform beschlossen, die ich – wie viele andere – für gefährlich halte, da sie meiner Meinung nach zu große Gefahren für das freie Internet, insbesondere für unser Grundrecht freier Meinungsäußerung, birgt.

Anmerkung: Dies ist meine Meinung und ich weiß, dass ich mich hiermit offen gegen die Autorenverbände stelle, die teils jahrelang FÜR diese Urheberrechtsreform gekämpft haben. Aber für mich ist der Preis und die Gefahr, die mit diesen Änderungen einhergeht, einfach zu hoch. Wäre ich christlich gläubig, würde ich es vielleicht mit Luther sagen: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Ich kann diese Urheberrechtsreform – bei allem Willen, vom Schreiben leben zu wollen – NICHT BEFÜRWORTEN.

Zwei der Artikel der Urheberrechtsreform sind die, die in der breiten Masse kritisiert werden. Dieser Kritik schließe ich mich vollinhaltlich an.

Julia Reda ist die Abgeordnete der Piratenpartei im Europäischen Parlament und hat die Sachlage aus Sicht von Datenschutz und der Befürwortung eines freien Internets sehr gut auf ihrer Website und auch in einem Interview im Logbuch Netzpolitik Nr. 259 geschildert.
-> zur Folge

Sie hat auch Alternativen/Kompromisslösungen für Artikel 11 und Artikel 13 vorgelegt, die die kritischen Punkte herauslösen und einen fairen Kompromiss zwischen den verschiedenen Standpunkten bieten.

Artikel 11

Artikel 11 beinhaltet das sogenannte Leistungsschutzrecht, eine Linksteuer. Verlinkungen auf urhebrerechtlich geschütztes Material z.B. auf Nachrichtenseiten sollen in Zukunft Geld kosten. Die Idee ist, dass die Urheber einen Teil der Gebühren bekommen sollen. Grundsätzlich also gut, aber in der Realität wird dies voraussichtlich dazu führen, dass es für kleine Blogs und Foren unwirtschaftlich wird und entweder einfach nicht mehr auf entsprechende Inhalte verlinken werden, oder aussterben, was zum selben Ergebnis führt. Die einzigen, die sich eine Flatrate für Verlinkungen leisten können, sind die großen Plattformen wie Google und Facebook, etc.. Allerdings werden sie die finanziellen Mittel nicht einmal aus der Portokasse kramen müssen, da es für “die Großen” ohnehin Ausnahmeregelungen oder günstige Angebote geben wird. Der kleine Literaturblogger zahlt also am Ende wieder drauf und es wird hier eine Zentralisierung auf die großen Plattformen gefördert werden.


Quelle: juliareda.eu


Quelle: saveyourinternet.eu

Artikel 13

Artikel 13 beinhaltet die sogenannten Uploadfilter, die von Internetplattformen eingesetzt werden müssen, wenn diese Urheberrechtsreform beschlossen wird. Das bedeutet, dass alles, was man im Netz teilt, hochlädt, schreibt, postet, … durch einen automatisierten Filter läuft, ähnlich wie ein Virenscanner, ob eventuell jemand anderer ein Urheberrecht darauf haben könnte. Und: Plattformen sind voll verantwortlich für alle Inhalte, die bei ihnen hochgeladen/gepostet/geschrieben werden. Sie haben also ein großes Interesse daran, dass sie so viel wie möglich kontrollieren. Das halte ich für brandgefährlich und schließe mich der weit verbreiteten Meinung an, dass wir hier zu nah daran sind, eine Zensurmaschine zu schaffen, die es repressigen Regimen, wie sie überall in Europa aufsteigen, einfach macht, die Bürger*innen unter Kontrolle zu halten.

Weitere Probleme des Artikels 13: Es gibt bereits Uploadfilter, z.B. bei YouTube, dort heißen sie ContentID. Wenn alle anderen auch Uploadfilter installieren müssen, verdient Google viel Geld damit, den eigenen Filter an alle anderen zu verkaufen – UND schafft so eine zentrale Stelle, wo SÄMTLICHE Äußerungen, die auf irgendwelchen Plattformen im Netz getätigt werden, zusammenlaufen, weil sie ja durch die Google Filter müssen.

Das Nächste ist, dass natürlich keine Menschen dort sitzen und darauf warten, dass Hansi Müller auf Plattform X “Guten Morgen” tippt und ein Bild seiner Kaffeetasse dazu hochlädt, sondern dass ganze Armeen von Algorithmen automatisiert die Inhalte durchkämmen und in Tausendstelsekunden entscheiden, ob der Inhalt durchgeht oder ob er gefiltert wird, also am Weg verschwindet. Solche Algorithmen haben in der Vergangenheit bereits mehrfach falsch gelegen. Beispielsweise hatte die Fotografin Carol M. Highsmith Probleme mit gleich zwei Stock Photo Plattformen, die versuchten, das Copyright ihrer Bilder zu übernehmen, die sie grundsätzlich royalty-free veröffentlicht und ihr selbst eine Rechnung für eines der Bilder schickten, das sie auf ihrer eigenen Website benutzt hatte. Sie klagte dagegen und wurde abgewiesen. -> zum Copyfraud Artikel auf Wiki

Wenn ein Journalist auf einem Nachrichtenportal einen Artikel veröffentlicht, den er X Tage später aufgrund der Vereinbarung mit dem Portal selbst weiterverwenden und an anderer Stelle publizieren darf, dann läge für die Algorithmen das Urheberrecht beim Nachrichtenportal und die Texte an anderer Stelle würden gegebenenfalls gar nicht erst erscheinen, weil die Uploadfilter sie einfach nicht durchließen. Konzepte wie Re-Publishing werden nicht berücksichtigt; das betrifft auch (kleinere) Verlage, die ein Buch wieder neu auflegen, das bei einem anderen Verlag aus dem Programm genommen wurde.

Auch wie einfach oder schwierig es für Selfpublisher wird, das eigene Urheberrecht irgendwo für die Uploadfilter-Datenbank anzumelden, steht in den Sternen. Große Verlagshäuser haben es hier vermutlich merklich einfacher, die Eintragungen vornehmen zu lassen und auch ein Interesse daran, dass dies so bleibt.

Und dann haben wir eine große Datenbank, die sämtliche urhebrerechtlich geschützten Werke beinhaltet. Würde diese von einer Malware befallen, ist nicht abzusehen, welchen Schaden dies bringen würde. Vielleicht stünde das komplette Internet still, weil niemand mehr etwas posten könnte, weil die Datenbank hinter den Filtern lahmliegt.

Ein etwas anders gelagertes Beispiel ist die Sperrung der Videos der Blender-Foundation auf YouTube. Dies zeigt auf andere Weise recht deutlich, wie sehr man als Content Ersteller dem Goodwill der “Großen” und ihrer Algorithmen ausgeliefert ist: “Die Probleme mit YouTube begannen für Blender im Dezember 2017: US-Nutzern war aufgefallen, dass ein “sehr beliebter” Vortrag von der Blender Conference für sie nicht mehr sichtbar war. YouTube erklärte auf Nachfrage, dass Blender die Anzeigen für Videos aktivieren müsse, damit US-Nutzer den Vortrag wieder anschauen können. Blender lehnte das ab: “Wir haben uns entschieden, einen 100-prozentig werbefreien Kanal zu betreiben”, schrieb die Foundation an YouTube. Das Unternehmen antwortete, dass es Spezialisten konsultieren müsse, Blender solle etwas Geduld haben. Doch es passierte nichts – bis am 15. Juni der gesamte YouTube-Kanal plötzlich offline ging.” -> zum vollständigen Artikel auf heise.de


Quelle: juliareda.eu

Der Verband der österreichischen Internetprovider spricht sich offen gegen die Änderungen aus. Hier heißt es: Es “besteht die Gefahr, dass die Verbreitung „unbequemer“ Informationen, z. B. Fotos oder Videos von sozialen Missständen oder Repressionsmaßnahmen eines Staates, über soziale Netzwerke mit der Behauptung, diese stellten eine Urheberrechtsverletzung dar, effektiv unterbunden wird. “Wer behauptet Upload-Filter hätten nichts mit Meinungsfreiheit zu tun, dem mangelt es entweder schlichtweg an technischem Verständnis oder er stellt die Tatsachen absichtlich falsch dar”, so der ISPA Generalsekretär.”
-> zur gesamten ISPA Pressemeldung

Ich spreche nicht für alle Autor*innen. Ich bitte die geneigten Leser*innen nur darum, sich selbst ein Bild zu machen. Bitte informiert Euch – sowohl bei den Autorenverbänden als auch auf der Seite derer, die gegen die Urheberrechtsreform stimmen. Wie auch immer Ihr Euch entscheidet, es ist noch bis zum 5. Juli Zeit, Einfluss zu nehmen.

Links

Seite zu Lesungshonoraren und gerechter Vergütung bei den Mörderischen Schwestern
Initiative Urheberrecht

saveyourinternet.eu
juliareda.eu
Logbuch Netzpolitik 259
Petition der DigitalCourage gegen Uploadfilter (DE)

Noch mehr Angst vor Google-Monopol

Just bei heise online gelesen:

Die Einigung im Urheberrechtsstreit zwischen Google und der US-amerikanischen Autoren-Organisation The Authors Guild sowie der Association of American Publishers (AAP) über die digitale Büchersammlung Google Books stößt in den USA auf Kritik. Das Internet Archive, das neben seiner Datenbank mit historischen Websites so wie Google ein Buchscan-Projekt betreibt, befürchtet, der Internet-Dienstleister könne sich durch die Einigung ein Monopol bei “orphan works” sichern, also bei Büchern, deren Rechteinhaber nicht auffindbar, verstorben oder aus anderen Gründen nicht verfügbar sind. Daher hat sich das Internet Archive an das Bundesbezirksgericht in New York gewandt, das am 11. Juni über die Einigung entscheiden will.

Offenbar ist das Internet Archive auch nicht der einzige Kritiker – schon zuvor hatte eine Gruppe von Rechtsexperten der Harvard Law School dem New Yorker Gericht ihre Einwände mitgeteilt und auch die Universität Chicago meldete Bedenken an, Google könnte als Monopolist auf digitale Texte im Internet aus der Sache heraustreten.

Hier geht’s zum Artikel.

Reich werden als Autor

Oder zumindest nicht verhungern – dabei helfen nun angeblich die Verwertungsgesellschaften. Aber was genau tun die nun? Ich hab al ein wenig reingelesen, aber dieser Artikel hier hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit!

Werwertungsgesellschaften wie etwa die deutsche GEMA oder in Österreich die AKM kümmern sich darum, dass der Urheber eines aufgeführten oder anderweitig genutzten Werkes entsprechend entlohnt wird. Im Wiki-Artikel heißt es: “Verwertungsgesellschaften sind private Einrichtungen, denen zur Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben in vielen Ländern eine gesetzliche Monopolstellung zugewiesen wurde. Ihr Charakter liegt zwischen der quasi-gewerkschaftlichen Funktion einer Solidargemeinschaft der Urheber gegenüber den wirtschaftlich stärkeren Rechteverwertern und einer quasi-amtlichen Funktion, die Einhaltung der Meldepflicht von Vervielfältigungsstücken, öffentlichen Aufführungen und – mit dem neuen Medium Radio – auch der Sendung zu kontrollieren.”

Für Autoren heißt das, dass von den Nutzern der Texte Gebühren eingehoben und dann an die Autoren ausbezahlt werden. Gerade interessant wohl auch für den wissenschaftlichen Bereich, aber auch für alle anderen Buch- und besonders Drehbuchautoren. Denn für jede öffentliche Vorführung (=Nutzung) ist bei den Verwertungsgesellschaften meldepflichtig und das bedeutet Geld in den Sparstrumpf des Autoren.

Die wahrscheinlich für Autoren interessantesten Verwertungsgesellschaften sind wohl:

Deutschland: VG Wort

Österreich: literar mechana & AKM

Schweiz: ProLitteris

Um einmal grundlegende Erkundungen einzuholen und weil ich ja auch schon ein Buch veröffentlicht habe, schrieb ich ein Mail an die literar mechana und bekam noch am selben Tag eine erfreulich nette Antwort. “Da auch nicht mehr im Handel erhältliche Bücher in öffentlichen Bibliotheken
einstehen und dort entlehnbar sind, rate ich Ihnen, den Beitritt noch heuer
durchzuführen.”

Die freundliche Dame beziet sich auf die Bibliothekstantiemen, die ebenfalls von den Verwertungsgesellschaften eingehoben werden. Ebenso die Gebühren für öffentliche Lesungen, Reprographien, etc.

Der Beitritt zur literar mechana kostet einmalig 20,-€, bei der AKM sind es einmalig 75,-€; die VG Wort ist komplett kostenlos. Ich hab mich gleich mal registriert – ging ganz flink und tat auch nicht weh.

Übrigens haben wohl mittlerweile alle Verwertungsgesellschaften praktische Onlinemeldesysteme, bei denen man seine Werke direkt eingeben kann. Ich werde berichten!