Wenn jemand entscheidet, dass Dein Gerät jetzt Schrott ist

… dann nennt man das geplante Obsoleszenz. Also dass das Lebensende eines Dings schon von Anfang an geplant ist. Für Schuhe beispielsweise, dass die Sohle nur so und so lange halten darf, damit Leute neue kaufen müssen und die Firma nach x Kilometern Laufleistung oder x Jahren Einsatz wieder sicher Geld verdient.

Oft gepaart ist geplante Obsoleszenz mit dem sogenannten Vendor-Lock-in, also die Kettung an einen bestimmten Hersteller/Verkäufer. Wenn HP-Drucker ausschließlich mit HP-Druckerpatronen funktionieren, ist das ein Vendor-Lock-in.

Die Frage, die wir uns – und auch den Herstellern – stellen sollten ist: Wem gehört das Gerät, wenn andere darüber entscheiden?

Jüngstes Beispiel in diesem Haushalt: Eine Tchibo-QBO-Yourista-Kaffeemaschine. Die erfüllt gleich beides, sowohl Vendor-Lock-in als auch geplante Obsoleszenz. Der Vendor-Lock-in bezieht sich auf die Kapseln, die verarbeitet werden können. Sie funktioniert ausschließlich mit den würfelförmigen Kapsen, die man nur direkt bei Tchibo bekommt. Und damit weiter zur geplanten – oder besser erzwungenen – Obsoleszenz.

Vorgeschichte

Warum wir überhaupt aktuell eine Kapselmaschine im Einsatz haben, liegt daran, dass die Rösterei meine Kaffeesorte eingestellt hat und ich dann nach mehreren Wochen ohne ordentlichen Kaffee dicht an der Verzweiflung war. Zeitgleich ergab es sich, dass wir an eine Tchibo Qbo „Yourista“ kamen, die der Fellow Nerd eigentlich mal auseinandernehmen und reverse-engineeren wollte. Also eigentlich ein Bastelprojekt, das durch meinen Koffeinmangel versehentlich in den Produktivbetrieb rutschte und meine Suche nach einem für mich trinkbaren Kaffee prokrastinierte. Nun war ich die Tage einkaufen, unter Anderem auch neue Kaffeekapseln, die alten bringe ich immer zum Recycling in die Filiale zurück in der Hoffnung, es damit ein klein bisschen besser zu machen, wenn ich aktuell schon eine Kapselmaschine verwende. Zu Hause stellte ich dann fest, dass die neu gekauften Würfel keinen Punkte-Code mehr auf der Rückseite haben.

Die Kapseln

Die Yourista hat tatsächlich eine Kamera eingebaut, um die Punktmuster auf der Rückseite der Kapseln zu erkennen. Sieht ähnlich aus wie ein QR-Code aber in Punkten.

Anhand der erkannten Kaffeesorte wird eine Zubereitungsart (Ristretto, Espresse, Caffè, Caffè Grande) vorgeschlagen, aber nicht erzwungen. Man kann auch einen Caffè Grande mit einer Espressokapsel machen, wenn man möchte oder einen Ristretto aus einer Kapsel mit Kaffee, der für einen Caffè Grande vorgeschlagen wird.

Die neuen Kapseln haben nun kein Punktemuster mehr und ohne das werden sie von der Maschine auch nicht erkannt. „Bitte legen Sie eine Qbo-Kapsel ein!“

Meine Begeisterung vor dem ersten Kaffee lasse ich jetzt mal aus. Also wieder in die Filiale. Die erzählten mir, dass sie a) die Kapseln nicht zurücknehmen, b) die alten Maschinen nicht mehr unterstützt werden, weil die WLAN-Funktion eingestellt wurde (also geplante Obsoleszenz) und dass es c) deswegen eine Eintauschaktion gäbe, wo alte Maschinen gegen eine neue eingetauscht werden können.

Könnte man mit Blick auf das EU-Recht auf Reparatur klagen? Möglich. Würde es durchgehen? Unklar. Ich bin keine Juristin, würde mich aber auch interessieren.

Der Austausch

Ich habe also unsere voll funktionsfähige und hochwertig verarbeitete Yourista-Maschine am selben Tag in die Filiale getragen. Weil unsere einen Milchaufschäumer dabei hat, habe ich auch einen extra Milchschäumer zur neuen Maschine bekommen. Wieder daheim hab ich die Maschine ausgepackt. Alles billiges Plastik und die „samtige Oberfläche“ des Teils, wo die Tasse unter dem Auslass steht, machte mir sofort Sorgen, wie klebrig sich das wohl in spätestens 3 Jahren anfühlen wird, wenn die Weichmacher aus dem Kunststoff quellen. 4 Knöpfe für Ein/Aus, Espresso, Kaffee und Verlängerter, das war’s.

Dann steckte ich die Maschine an und drückte den Einschaltknopf. Es passierte: Nichts. Auch bei keinem der anderen Knöpfe. Beim Aufklappen des Hebels ging das Licht am Einschaltknopf an, aber das war’s. Weiter kam auch der Fellow Nerd nicht, weder allein noch mit dem Menschen vom technischen Support am Telefon.

Also packte ich die neue Plastik-Maschine wieder ein, den noch ungeöffneten Milchschäumer dazu und brachte beides am nächsten Morgen wieder in die Filiale zurück, wo ich die Herausgabe meiner alten Maschine forderte. Das ging einfacher als erwartet und jetzt steht sie wieder neben mir.

Der Hack

Ich wollte ja schon Etiketten für die Kapselrückseiten drucken. Oder 3d-gedrucke Kapsel-Schnapper mit Punktemuster. Aber die Lösung ist einfacher als man meinen könnte. Der Fellow Nerd schnitt eine gebrauchte Kapsel meiner Kaffeesorte auf, ließ eine Seitenwand dran und befestigte die Attrappe an der Kamera-Abdeckung. Oder auch: Fake it, ‚til it makes coffee.

Hinweis: Für die reine Brüh-Funktion ist es egal, welche Kapsel drinnen ist, solange eine Qbo-Kapsel erkannt wird. Die unterschiedlichen Kaffeesorten sind erst relevant, wenn man sortenbasierte Kaffeekreationen zubereiten möchte und die vllt als die Apps noch gingen, für die Maschine hinterlegt hat.

Und nochmal ein Foto der Attrappe alleine:

Foto der Kapsel-Attrappe
Die Kapsel-Attrappe

Tipp: Man muss ein bisschen aufpassen, dass die Attrappe nicht zu weit absteht, sondern sie eher Richtung Kamera drücken, damit die Kapsel nicht festklemmt und weiter nach unten fallen kann, wo sie dann aufgestochen wird. Sonst kommt halt nur heißes Wasser raus. Andererseits kriegt man sie so auch dazu, heißes Teewasser zu machen. 😉 Dazu braucht man jetzt auch einfach keine Kapsel einlegen, denn durch die Attrappe wird jetzt einfach immer eine Kapsel erkannt und man wählt einfach einen großen Kaffee oder einen großen und einen kleinen, um genug heißes Wasser in die Tasse zu bekommen.

Hack per Ausdruck des Musters

Nachdem uns nach Veröffentlicung dieses Posts Fragen im Fediverse erreichten, ob wir noch Kapsel mit Muster hätten und eine schicken könnten, damit andere auch ihre Maschinen präparieren könnten, haben wir etwas experimentiert und siehe da, es funktioniert auch mit einem ausgedruckten Muster. Die Fotos dazu wurden mit Mobiltelefonkameras aufgenommen.

Falls Ihr es auch ausprobieren möchtet, der Ausdruck in 18x18mm schwarzweiß war bei uns erfolgreich.

Qbo Espresso INDIAN KAVERI

Wir können hier gerne auch noch andere Sorten ergänzen, was wir noch an „alten“ Kapseln zusammentragen können. Ihr könnt uns auch gerne Fotos Eurer alten Kapselböden zukommen lassen.

Kritik an Tchibo

Statt eine Menge teurer und vor allem gut und hochwertig verarbeiteter Maschinen durch geplante – oder in dem Fall besser: erzwungene – Obsoleszenz in Form eines fehlenden Aufdrucks auf den Kapseln in tadellos funktionierenden Elektroschrott zu verwandeln, wären mir ja noch andere Lösungen im Sinne der Nachhaltigkeit eingefallen.

  • Tchibo hätte einfach weiter Punkte auf die Kapseln drucken können.
  • Tchibo hätte ein Software-Update herausbringen können, das
    • die Kapselerkennung durch die Kamera nicht mehr auslöst und
    • die WLAN-Funktion nach einem Neustart abschaltet, wenn es tatsächlich um diese Funktionalität ginge.
    • Für alle, die die Maschinen ohnehin nicht ins Netz hängen wollen (wie wir beispielsweise), könnte man das Update auch auf der Webseite zum Download anbieten samt einer Anleitung, wie man es auf die Maschine kriegt.
  • Tchibo hätte die Software zusätzlich zum Software-Update auch Open-Sourcemachen und die Menschen mit ihren Maschinen machen lassen können, was sie wollen, wenn sie schon selber kein Interesse mehr an dieser Reihe haben.

Stattdessen hat sich Tchibo zu einer Eintauschaktion entschieden, bei der man seine hochwertig verarbeitete (und zugegeben leicht over-engineerte) Maschine in einen Laden tragen darf, um dort im Austausch billigen Plastikschrott zu bekommen, der meiner Meinung nach kein akzeptabler Ersatz ist.

Offene Fragen

  1. Ich würde gerne wissen, was die Konzernführung von Tchibo sich gedacht hat, als sie diese Entscheidung getroffen haben. Es kann ja nicht sein, dass sie hunderttausende gute Maschinen, die sicher noch 5-10 Jahre machen würden, so mir nichts, dir nichts versuchen einzuziehen, nur weil sie die WLAN-Funktion einstellen wollen. Dass sie die Maschinen austauschen ist vermutlich, um den großen Aufschrei zu unterbinden. Aber eine ehemals € 300,- teure und wirklich solide Maschine durch billige Plastikdinger zu ersetzen, ist auch eher gewagt. Immerhin ist es wohl ein kostengünstiges Mittel, um die Leute still zu halten, denen es egal ist, ob ihre Maschine in einem Jahr oder spätestens zweien eingeht. Was kostet eine gebrandete 59-Euro-Maschine im Einkauf? ‚Nen Zehner?
  2. Mich würde interessieren, ob man tatsächlich auf das Recht auf Reparatur klagen könnte. Vielleicht sind ja Jurist:innen unter den Lesenden, die ihre fachliche Ansicht in den Kommentaren hinterlassen könnten?
  3. Ich bin sehr gespannt, ob man die Software der Maschinen soweit reverse-engineeren kann, dass man tatsächlich die Kamera einfach umgehen kann. Der Aufruf sollte sich vermutlich einfach auskommentieren lassen. Leider kann ich nicht gut programmieren und möchte in der Zeit, die das brauchen würde, es zu lernen, lieber weiter Bücher schreiben. Aber es wird mir eine Freude sein, das Auskommentieren selbst zu machen, wenn mir der Fellow Nerd mit dem Rest hilft.
  4. Bei der Gelegenheit könnte man ihr noch einen Menüpunkt „Heißwasser“ hinzufügen, um gleich die passende Menge für die Lieblings-Teetasse zu bekommen. Und auch die Menge an warmem Milchschaum für die Lieblings-Kakaotasse anpassen …
  5. Hat noch jemand hier eine Qbo Maschine gehackt? Freu mich auf Erfahrungswerte. Da geht sicher noch Einiges besser. 🙂

Lesetipps

Zu dem ganzen Bereich geplanter Obsoleszenz und den Businessmodellen von Konzernen inkl. Amazon, Spotify, Apple, Microsoft und Co und auch ein Drucker-Beispiel kommt drin vor: Chokepoint Capitalism von Cory Doctorow & Rebecca Giblin

Was man dagegen tun kann: Interoperabilität. Dinge müssen auch mit allem anderen funktionieren. So wie wir das bei Batterien für Taschenlampen oder andere Kleingeräte haben. Auch hier ein Buch von Cory Doctorow: The Internet Con

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12 Kommentare

  1. Hallo Klaudia,
    tausend Dank für diesen Beitrag!
    Dein Hack funktioniert super und dadurch können wir weiter diese Maschine verwenden.
    Nachdem mit den neuen Kapseln nichts mehr ging hatte ich einfach Tchibo qbo Hack gegoogelt und bin auf deinen Beitrag gestoßen.
    Wir hatten noch eine alte Kapsel und haben die dann eingeklebt…

    Ressourcen geschont.
    Müll vermieden.
    Geld gespart.

    Danke!

  2. You made my day,
    nachdem ich heute früh eine neue Kapsel Packung gestartet habe und die beschriebene Fehlermeldung bekommen habe.
    Vielen Dank für die Fehleranalyse und den Hack!

        1. So viel zur freundlichen aber unverbindlichen Antwort des Tchibo Kundendienstes:
          ======================================================================
          Lieber Herr …..,

          vielen Dank für Ihre E-Mail.

          Ich kann es vollkommen nachvollziehen, dass Sie unzufrieden mit der gesamten Situation sind.

          Ihre Anregungen sind uns eine wertvolle Hilfe, um besser zu werden. Vielen Dank für Ihren Vorschlag!

          Sie können sicher sein: Gerne greifen wir Ideen auf, die unserem breiten Angebot für Sie zugutekommen – das betrifft unser Non Food Angebot ebenso wie den Tchibo Kaffeegenuss.

          Bei Fragen sind wir gerne für Sie da.

          Viele Grüße

          1. Also weitere Fragen hätte ich da jetzt schon … Mannmannmann … Aber danke für Deinen Versuch und den Beitrag zur Gesamtsituation!

  3. Ihr Lieben ,
    nachdem heute meine neuen Kapseln nicht funktionierten, wollte ich alles kurzer Hand aus dem Haus befördern. Hab aber doch nochmal im Netz geschaut und dann der rettende Beitrag . Danke danke danke – habe alles so gemacht, wie beschrieben und ich genieße den Kaffee mit einem manipulierten Code. Es ist doch zum schreien das Ganze , wie blöd ist denn Tchibo eigentlich.
    Lieben Dank. Marina K.

    1. Das freut mich! Ja, ist eine echte Sauerei von Tchibo. Die Billig-Austausch-Maschinen findet man mittlerweile zu Hauf um nen Zwanni im Netz. Scheint nicht so geil zu laufen – zu Recht. Sollten alle unseren Unmut auch an Tchibos Konzernzentrale schreiben. Mit sowas sollte man nicht durchkommen. Aber bis dahin: Kaffee-Prost.

  4. Spitzen Hinweis, dein Hack!! Vielen Dank, jetzt funzt die Maschine wieder. War echt sauer, als ich die Sachlage durch „Google“ erfahren habe, nachdem auch wir dieses Problem plötzlich hatten. Das kann es ja nicht sein, eine Frechheit. Austausch auf Billig-Gerät, was soll das? Hoffentlich tut sich was bei Tchibo.
    LG

  5. Vielen Dank für diesen Tip!
    Er funktioniert ausgezeichnet und ich werde noch vorhandene alte Kapsel mit Lasercode für die weiter Verwendung aufbewahren.
    Die Vorgangsweise von Tchibo ist einfach ungeheuerlich, ob rechtlich gedeckt, weiss ich leider auch nicht.
    Ich schreibe eine Beschwerde an Tchibo.
    Sollte die nichts nützen- Kapseln mit dem bekannten Trick aufbrauchen und dann den Kaffelieferanten wechseln. Die einzige Möglichkeit des Konsumenten.

  6. Danke, ich kann die Maschine weiternutzen. Letzte Woche kam das 216-Kapsel-Päckchen, heute brach ich es an, nahm die erste Kapsel und nichts ging. Mit deinem Hack geht es wieder. Über eine Umtauschaktion hat Tchibo mich nie informiert. Las in den Kommentaren zum Alexa-Skill, dass die Server ausgeschaltet wurden und die You-Rista deshalb nicht mehr mit Alexa funktioniert (war ohnehin immer sehr unzuverlässig) und dass neue Kapseln ohne Codes auf den Markt kommen, die nicht mehr zu verwenden wären. Ersteres stellte sich als zutreffend heraus, Letzteres wollte ich bis heute einfach nicht wahrhaben.

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