ViennaWriter Authorpreneur

Die erste Suchmaschine der Welt war aus Papier!

Die erste Suchmaschine der Welt entstand vor fast 100 Jahren, lange vor Google und dem Internet, ebenso die ersten Ideen einer multimedialen Wissensvermittlung. „Radiotelefotografie“ – quasi Bildübertragung via Radiowellen für Telekonferenzen; klingt ein wenig nach Steampunk, war aber tatsächlich Teil einer multimedialen Infrastruktur wie sie sich der belgische Bibliothekar – und Vordenker des Internets – Paul Otlet vorstellte, der schon in den 1920ern über ein mechanisches Gehirn, Mobiltelefone und kabellose Datenübertragung nachdachte. Der Spiegel online berichtete über dieses Ausnahmegenie, dem nur die geeignete Technik fehlte, um seine Idee der papierlosen Verbreitung von Wissen in einer vernetzten Welt in die Tat umzusetzen.

Otlet wollte „alle Bücher erfassen, die jemals erschienen sind – und sie über ein eigens entwickeltes Archivsystem miteinander verbinden.“ (Spiegel online) Dabei waren die Bücher als solche für ihn nur reine Ideenbehälter, die praktischeren Medien wie beispielsweise sprachenunabhängigen und platzsparend auf Mikrofilm speicherbaren Schaubildern weichen konnten und sollten. Auch Ton und Film sollten dazu beitragen, die Geschwindigkeit der Wissensvermittlung zu erhöhen. Denn Otlet ging davon aus, dass die globale Verbreitung von Wissen den Frieden fördert. Auch darum gab es einen engen Austausch mit anderen Forschungseinrichtungen im Ausland.

Schon 1895 arbeitete Otlet mit seinem Kollegen Henri La Fontaine an jenem Konzept, das 1920 schließlich in Brüssel seine Tore für die wissbegierige Menge öffnete: das Mundaneum; eine enorme Sammlung letztendlich nicht nur von Büchern sondern auch von Zeitschriften, Postkarten, Postern, Telefonen, Flugzeugen und mehr. Diese analoge Wissensdatenbank wurde auch rege genutzt: bis zu 1.500 Anfragen kamen pro Jahr via Brief oder Telegramm im Mundaneum an und wurden per Hand beantwortet; ein Prozedere das Wochen dauern konnte.

1934 dann konzipierte Otlet das erste weltweite Wissensnetz, in dem die gerade aufgekommenen Medien wie Radio und Fernsehen fest mit eingebunden waren – das erste Multimedia-Konzept „um die Kooperationsmöglichkeiten für Forscher zu verbessern“ (Spiegel online). Dazu kamen auch „Multimedia-Arbeitsmöbel“ mit Karteikästen, Telefonen, etc.; seine Ideen sind gesammelt in seinem 400 Seiten umfassenden Buch „Traité de documentation“ erhalten. Otlet sah gerade in der Radiotechnologie große Chancen, da sie Informationen kabellos und über große Distanzen transportierte und damit beliebig viele Empfänger erreichte. Der erste Schritt zu seiner Vision eines universellen Netzwerks, auf das jedermann vom Sessel aus zugreifen und daran mitwirken kann. „So entsteht ein bewegliches Bild der Welt – ihr Gedächtnis, ihr wahres Duplikat.“ Ein „mechanisches, kollektives Gehirn“ (Spiegel online).

Ebenfalls 1934 wurde allerdings das Mundaneum leider wieder geschlossen weil die Subventionen für diesen „Katalog von allem“ gestrichen wurden.

Paul Otlet starb 1944, weswegen er die Anfänge des Internets leider nicht mehr miterleben konnte. Die ersten Aufzeichnungen über den Vorgänger des heutigen Internets, das Arpanet (Advanced Research Projects Agency Network), stammen aus dem Jahr 1962. Das Arpanet verband amerikanische Universitäten miteinander, um einen (vergleichsweise) schnellen Datenaustausch zu gewährleisten. Im Gegensatz zu Otlets Idee der Vernetzung nicht rein im Sinne der Wissenschaft da diese Universitäten für das US Verteidigungsministerium forschten. Schon damals erfolgte die Kommunikation über Telefonleitungen. Die ersten Modems ebenfalls aus dieser Zeit. Auf seiner Website und seinem Youtube-Channel stellte phreakmonkey ein Video ein, in dem er ein analoges IBM Modem von 1964 wiederbelebte. Durchaus sehenswert – zumindest für alle Nerds da draußen. 😉

Im „neuen“ Mundaneum, das 1998 in Mons eröffnet wurde, werden derzeit alle Arbeiten Otlets digitalisiert, um sie der Öffentlichkeit im Netz zur Verfügung zu stellen. Bei der Menge an Material, das er zusammengetragen und entwickelt hat, wird es allerdings noch eine Weile dauern, bis sich Otlets Vision erfüllt und sein Wissen aller Welt zur Verfügung steht.

… Irgendwie habe ich gerade das Bedürfnis, Paul Otlet ein iPad mit Skype und Wikipedia-Verknüpfung auf’s Grab zu legen…

Zum Artikel auf Spiegel online, dort finden sich auch noch weitere Informationen und Bilder zum Thema.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.