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Gastbeitrag: Vom Wandern und vom Schreiben

Gastbeitrag im Rahmen des Texttreff-Blogwichtelns. Ein großes Danke an meine frischluftliebende Mit-Textine Henrike. Ich hab im Philosophie-Studium mit dem Thema Bekanntschaft gemacht und gerade beschlossen, es so bald wie möglich mal wieder zu versuchen!

Von Henrike Doerr

Zum Wandern braucht man nicht viel: gesunde Beine, möglichst ein Paar Schuhe – mehr nicht. Man braucht noch nicht einmal die Natur. Wer wandern möchte, kann das überall tun. Zu entdecken gibt es immer etwas – und sei es die eigene Person.

Zum Schreiben braucht man eigentlich auch nicht viel: Das Schreiben haben die meisten in der Grundschule gelernt. Dann braucht man noch Papier und Stift. Trotzdem ist Schreiben viel schwieriger als Wandern. So jedenfalls die Mehrheitsmeinung. Warum ist das so? Wahrscheinlich, weil man zum Schreiben Ordnung in Gedanken bringen muss. Die sind aber flüchtig oder sogar gar nicht vorhanden. Leichtes, flüssiges Schreiben hat also etwas mit flüssigen Gedanken zu tun. Und Fluss ist Bewegung. Damit wären wir wieder beim Wandern.

Es gibt viele Theorien darüber, was die Kreativität und den Schreibprozess fördern kann. Die meisten dieser Überlegungen setzen dort an, unseren Gedankenfluss in Gang zu bringen: Schreiben ist Denken. Assoziatives, schreibendes Denken, das ist das Kommen und Gehen von Bildern, das ist Bewegung. Was liegt also näher, als die Bewegung in die Tat umzusetzen, um das Denken zu fördern?

Schon Aristoteles ließ seine Schüler in seiner Wandelhalle umherspazieren und dabei philosophische Diskurse führen. Diese Idee fand Verbreitung weit über die Antike hinaus. Auch die Kreuzgänge in mittelalterlichen Klöstern dienten unter anderem dazu, gemeinsam mit der körperlichen Bewegung den Geist in Gang zu setzen.

Abseits von aller Kulturgeschichte hat es sicher schon jeder einmal erlebt: Wird einem alles zu eng, muss man an die Luft. Dort pustet einem der Wind die festgeklebten Gedanken aus den Hirnwindungen. Man atmet und denkt freier. Wenn nichts mehr geht, hilft gehen.

Reinhold Messner bringt es in seiner Autobiografie „Überleben“ für sich auf den Punkt: „Gehen und Denken […] bleiben eins. Sie fördern Zusammenhänge zwischen Körper und Geist. Heute muss ich gehen, um denken zu können.“

Bewegung hilft, wenn die Gedanken stillstehen. Bewegung hilft aber auch, wenn die Gedanken rasen und sich im Kreis drehen. Gleichmäßige Bewegung – sei es langsames Gehen, forsches Marschieren oder Joggen – hilft, die Gedanken ebenfalls in eine gleichmäßige Bewegung zu bringen. Vielleicht ist es die Monotonie, die keinerlei Aufmerksamkeit bedarf, die es uns erlaubt, ganz ohne Konzentration etwas anderes wahrzunehmen: unseren eigen Körper, die Außenwelt, den Wind auf unserer Haut.

So alt diese Entdeckung ist, so modern ist der Trend, Wandern und Schreiben zusammenzubringen. Mittlerweile gibt es sogar professionelle Angebote von Schreibcoaches, die auf geführten Wanderungen Schreibübungen durchführen (z. B. Wandern und Schreiben). Hier wird in der Gruppe eine Wegstrecke absolviert. Unterwegs macht man Halt und die Trainer geben den Teilnehmern eine Schreibaufgabe. Manchmal wird gemeinsam darüber gesprochen, manchmal nicht – ganz nach Ansatz und Bedürfnis. Auf jeden Fall aber wird jeder Wanderer gefüllte Seiten und viele Ideen mit nach Hause nehmen.

Wer nicht so gerne an solchen Seminaren teilnimmt, dem sei ein Selbstversuch empfohlen: Suchen Sie sich eine Strecke bei Ihnen in der Nähe. Es sollte eine Strecke sein, die nicht zu kompliziert ist: Sie wollen sich ja nicht übermäßig auf den Weg konzentrieren müssen. Stecken Sie sich etwas zum Schreiben ein. Und dann gehen Sie erst einmal los. Dann sammeln Sie beim Gehen Geräusche. Was hören Sie? Machen Sie fünf bis zehn Minuten Pause und schreiben Sie Ihre Eindrücke auf. Versuchen Sie, so genau wie möglich zu sein. Dann gehen Sie weiter.

Je nach Art des Weges suchen Sie sich entweder eine Sitzmöglichkeit, wo sie Menschen sehen können, oder eine versteckte Ecke, wo Sie Ihre Ruhe haben.

Sind Sie unter Menschen, lassen Sie eine Weile Ihre Blicke schweifen. Wen sehen Sie? Suchen Sie sich einen beliebigen Menschen aus und denken Sie sich eine Geschichte aus. Warum ist dieser Mensch hier? Was bewegt ihn? Was hat er für einen Hintergrund? Schreiben Sie Ihre Geschichte auf.

Haben Sie sich eine versteckte Ecke ausgesucht, dann schauen Sie sich um. Was sehen Sie? Was erregt Ihre Aufmerksamkeit? Das kann der Lichteinfall durch das Laub der Bäume sein, das Glitzern der Sonne auf dem Wasser, die sich im Wind biegenden Grashalme … Beschreiben Sie genau, was Sie sehen. Wenn Sie möchten, können Sie die Übung noch erweitern: Stellen Sie sich vor, Sie sind irgendeine andere Person (ein Schulkind, eine alte Dame, ein Bankangestellter …). Warum sitzen Sie hier? Was hat Sie hierher geführt? Was empfinden Sie?

Das ist nur ein kleiner Anreiz, um auszuprobieren, wie fruchtbar die Verbindung aus Bewegung und Schreiben sein kann. Probieren Sie es aus!

Bildquelle: ©textwelten

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