Gegen den Strom (IMA 20+)

Es gibt Chancen, die bekommt man im Leben nur einmal. Mein Highlight – mindestens dieses Jahres – war die IMA20+ Veranstaltung im August.
Alles fing ganz harmlos damit an, dass das Elise vom IMA, dem Institut für Medienarchäologie in Niederösterreich, mich im August 2024 fragte, ob ich für's 20jährige Jubiläum des IMA ein Krimi-Dinner schreiben könnte. Ich antwortete sehr spontan, dass ein SciFi-Dinner ja viel besser passen würde. Und dann nahm alles seinen Lauf. Spannend wurde es, als im Sommer 2025 die Location feststand: das AKW Zwentendorf – das Atomkraftwerk in Österreich, das in den 1970ern fertiggestellt, aber nie in Betrieb genommen wurde. Die Brennstäbe waren damals bereits auf dem Gelände (draußen), aber nach einer Volksabstimmung, die gegen die Atomkraft in Österreich ausging, wurde das Werk im fertigen Zustand direkt stillgelegt.
2005 wurde es vom Niederösterreichischen Energieversorger EVN gekauft und seither als Ausbildungs- und Veranstaltungsstätte genutzt. Und nein, es kann nicht wieder hochgefahren werden, da sie für Ausbildungszwecke ein Loch ins Containment geschnitten haben – das ist der kugelförmige Behälter um den Reaktor, der zuerst gebaut wurde und die Werkshalle später außenrum.
Tatsächlich produziert das Kraftwerk aber Strom – mit einem Solarpark auf dem Dach, an der Fassade sowie auf dem Feld hinter der Werkshalle. Ich hatte eine diebische Freude daran, das Auto an der Ladesäule direkt am Atomkraftwerk zu laden. ;D Und ein paar electric sheep gibt es auch! ;D
Funfact: Den Elektro-Smart haben wir wenige Tage vor dem Event bekommen und bei der Zulassungsstelle bin ich tatsächlich an den Menschen geraten, der damals die Brennstäbe für Zwentendorf verzollt hat. ;D
IMA 20+
Die ganze Veranstaltung zum über-zwanzigjährigen Bestehen des IMA war noch um einiges größer als das ursprünglich angedachte Krimi- bzw. SciFi-Dinner. Verschiedene Gründe und letztlich ein freier Termin beim AKW machten aus dem "Zwanzigjährigen" ein 20+. Aber das Programm war einfach nur wow. Es wurde eine zweitägige Veranstaltung; drinnen im AKW das Stationentheater samt Kunstparcours und im Anschluss abends Konzerte von Künstler:innen elektronischer Avantgarde-Musik in der Werkshalle. Es war ein riesen Spaß!

Stationentheater: "Gegen den Strom"
Als ich den Auftrag bekam, kramte ich ein bisschen in den Anfängen des IMA. Ich blieb gefühlt in den ersten fünf Minuten an einem Objekt hängen, das bei der ersten Ausstellung des IMA zum Einsatz gekommen war. Verblüffenderweise war es kein Theremin. Jakob Scheidt hat vor 20 Jahren die Sprechmaschine von Kempelen aus dem Jahr 1791 nachgebaut – für die erste Veranstaltung des IMA, die Ausstellung "Zauberhafte Klangmaschinen". Für mich stand fest: Die Sprechmaschine würde in dem Stück eine Rolle spielen. Umso begeisterter war ich, als ich die Bestätigung bekam, dass die Sprechmaschine dabei sein würde – Jakob würde sie zwar nicht selbst bei den Aufführungen spielen, aber das würde Anne Wellmer übernehmen.
Also begann ich, eine Story zu entwerfen, an der sich die Künstler:innen kreativ austoben konnten:
Das Research Vessel IMA ist nach einem Raum-Zeit-Unfall ins AKW Zwentendorf gekracht. Beide existieren zur selben Zeit am selben Ort – was natürlich nicht lange gutgehen wird. Aber die Schiffs-KI TIM, das transdimensionale Interaktions-Modul, reagiert nicht mehr. Sein Code ist hinüber. Und die Crew hat nun alle Hände voll zu tun, die KI wieder zum Laufen zu bringen. Die basiert allerdings auf einer jahrhundertealten sprechenden Apparatur und die hängt genau wie die RV IMA selbst irgendwo zwischen Zeit und Raum.
Auf meinen Rohentwurf reichten 19 Künstler:innen ihre Ideen für die verschiedenen Stationen ein. Spannend dabei war, dass viele etwas mit Natur und technisch-organischen Verbindungen zu tun hatten. Die Projekte haben wir dann den verschiedenen Stationen zugewiesen. Danach habe ich die Ideen der Künstler:innen in die Geschichte eingearbeitet, damit es ein rundes Ganzes wird.

Und ja, ich habe fast das gesamte Stück per Hand konzipiert und geschrieben.
Damit aber nicht genug. Nachdem aus Gründen von Budget und Praktikabilität aus dem Dinner ein Stationentheater geworden war, musste ich noch umplanen, wie die Teilnehmenden die Geschichte erfahren sollten. Ich schlug vor, den Künstler:innen Audio-Snippets für ihre jeweilige Station zu geben. Sie durften damit machen, was sie wollten, solange die Gäst:innen die Geschichte vermittelt bekamen.
Dazu bekam ich Hilfe von Margarethe Maierhofer-Lischka und wir sprachen die gesamte Story ein. Tatsächlich haben nicht alle einfach die Aufnahmen abgespielt, sondern waren durchaus kreativ! <3
Die Stationen
Ort: Eingang
Künstler: Pi
Projekt: space is time – die Navigationstafel des Schiffes, Anlage zur Sonifikation von Raum und Zeit (Installation)
Ort: Brennelementewechselbühne
Künstler:innen: Eva Ursprung, Andrea Sodomka, Norbert Math, Martin Breindl
Projekt: Vitalfunktionen – technisch-medizinisches Notfallprogramm (Performance)
Ort: in den Gängen
Künstlerin: Christine Schörkhuber
Projekt: Noxygen (Installationen)
Ort: Revisionsöffnung
Künstler:innen: Cordula Bösze & Günther Gessert
Projekt: Auf der Suche nach dem Code (Performance)
Ort: Kondensationskammer (Rundgang)
Künstler: Sandro Nicolussi
Projekt: Tonbandgerät (Installation)
Ort:Kondensationskammer (innen)
Künstler:innen: Nicole Pruckermayr & IOhannes Zmölnig
Projekt: W wie Würde 3 (Performance)
Ort: Steuerstabantriebsraum
Künstler:innen: Noid
Projekt: 3-Body-Problem (Installation)
Ort: Wassercontainer beim Eingang
Künstler:innen: Margarethe Maierhofer-Lischka
Projekt: Pilz-Myzel Phosphores (Installtion)
Ort: Turbinenhalle
Künstlerin: starsky
Projekt: Großbildprojektion (Installation)
Künstlerin: Reni Hofmüller
Projekt: Weltempfänger (Installation)
Ort: Schaltwarte
Künstlerin: Tamara Wilhelm
Projekt: Kleine Motoren (Installation)
Künstlerin: Anne Wellmer
Projekt: Zeitmaschine (Performance)
Der erste Rundgang
Die kleine Schwierigkeit an meinem Teil des Ganzen: Die Besucher:innen wurden immer in zwei Gruppen parallel durch das Kraftwerk geführt – auf leicht unterschiedlichen Routen. Beim ersten Rundgang durfte ich selbst mitgehen. Ich war in der Gruppe auf "Route A" unterwegs und so unglaublich angespannt. Aber alles klappte mit den Menschen der EVN, die die Führungen gemacht haben, den jeweiligen Wegzeiten, den Stationen und der Story zum Glück viel besser als befürchtet. Ganz großes DANKE an der Stelle noch einmal an alle!!!
Leider habe ich nicht von allen Stationen brauchbare Bilder. Aber auf der Webseite des IMA gibt es Profi-Aufnahmen.
Als wir zum Finale in der Schaltwarte ankamen, wo Tamaras Fikus fröhlich vibrierte und Anne Wellmer das Live-Set auf der Sprechmaschine spielte, stand ich schließlich heulend da. Was für ein großartiges Ganzes die Künstler:innen aus meiner kleinen Geschichte gemacht haben! Ich bin noch immer ganz fassungslos. Und dankbar. Das letzte Foto ist für mich die Essenz meiner ganzen Arbeit. Es zeigt Anne, die in der Schaltwarte die historische Sprechmaschine von Kempelen im Nachbau von Jakob Scheid spielt. Jakob steht neben ihr und schaut ihr dabei zu.
Für die Teilnehmenden ist das alles nur das Beiwerk zum Rundgang, die meisten werden kaum etwas davon bewusst wahrgenommen haben. Das ist auch genau richtig so. Aber für mich war es die Aufgabe, Geschichte, Gegenwart und Zukunft des IMA zusammenzuführen. Und die Sprechmaschine hatte es mir einfach angetan. Nicht, weil sie so unglaublich gut "sprechen" könnte, sondern weil sie für mich für Jahrhunderte menschlicher Forschung und Entwicklung steht, auf der jede neue Technologie letztlich aufsetzt. Das hatte ich auch im Interview zu Herbert Gnauer bei Radio Orange gesagt.
Und apropos Interview: das Ö1-Radio-Feature von Susanna Niedermayr ist einfach großartig geworden. Sie zeichnet in dem Feature den Rundgang durch das Kraftwerk nach, erzählt, was es wo zu sehen gab.
Das Hörstück "Gegen den Strom"
Während der Aufführungen war ich an verschiedenen Stationen, um vor Ort Audioaufnahmen zu machen für die finale Doku des Projekts. Auch das eskalierte nur leicht, nachdem es die Geschichte ja bereits als eingesprochene Audiospur von Margarethe und mir gab. Deswegen gibt es jetzt ein ganzes Hörstück des Stationentheaters / Kunstparcours. Ein bisschen künstlerischer als ein klassisches Hörspiel, aber die Audiobeiträge der Künstler:innen sind einfach allesamt großartig. Anders als Susannas Stück geht es nicht um den Rundgang und das Erleben vor Ort, sondern ist eine durch die Beiträge der Künstler:innen illustrierte Umsetzung der Geschichte als Hörspiel.
Die Aufnahmen sind von Clemens Hopfer und mir. Mitschnitte der Live-Sets bei der Brennelementewechselbühne von Norbert Math und in der Schaltwarte von Anne Wellmer. Großes Danke noch einmal an Susanna Niedermayr, deren Aufnahme der Szene im Steuerstabantriebsraum sie freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.














